Kommentar zur Kontroverse über Gaulands Aussagen: "Es gibt Notwendigeres"

Hat der stellvertretenden AfD-Vorsitzende Gauland Boateng rassistisch beleidigt? Und welche Rolle spielten bei der Kontroverse, die dadurch entstanden ist, Redakteure der FAZ? Das beleuchtet HNA-Redakteur Wolfang Blieffert in seinem Kommentar.

Der Satz „Die Leute finden ihn als Fußballspieler gut, aber sie wollen einen Boateng nicht als Nachbarn haben“ ist ein Ärgernis, mindestens das. Denn Pauschalisierungen wie „die Leute“ helfen nicht weiter, wo das Thema nach Differenzierung verlangt. Und „einen Boateng“ als abschreckendes Beispiel für die Nachbarschaft zu bezeichnen, ist eine durch nichts zu rechtfertigende Diffamierung.

Gesagt hat diesen Satz Alexander Gauland, stellvertretender Vorsitzender der Alternative für Deutschland (AfD), und er ist dafür in den vergangenen Tagen zu Recht gescholten worden. Zumal seine nachgeschobenen Erklärungen alles andere als überzeugend sind. Am Sonntag hieß es noch, er habe sich „an keiner Stelle über Herrn Boateng geäußert“, gestern war von „richtigen Aussagen“ die Rede, die nur durch die Überschrift der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (Gauland beleidigt Boateng) einen Dreh ins Rassistische bekommen hätten.

Damit sind wir bei Gaulands Gegenüber. Denn inzwischen stellt sich heraus, dass der Name Boateng von den beiden Reportern ins Gespräch über „Fremdsein in Deutschland“ eingeführt wurde. Boateng, deutsche Mutter, in Deutschland geboren und hier aufgewachsen als Beispiel für Fremdsein in Deutschland? Ein zumindest merkwürdiger Ansatz. Da bei dem Gespräch aber nur drei Personen zugegen waren und auch keine Mitschnitte existieren, wird sich dessen Verlauf nicht mehr exakt rekonstruieren lassen.

Die Vorgänge zeigen also letztlich zweierlei: Erstens erinnert die Debatte über Gauland, Boateng und seine Nachbarn an das journalistische Handwerk, an die Genauigkeit von Zitaten und die Handhabung von Hintergrundgesprächen.

Und zweitens gibt es Notwendigeres, als sich an AfD-Zitaten über Nachbarschaften oder Schusswaffen abzuarbeiten. Das Parteiprogramm und die Politik ihrer Abgeordneten geben wahrlich genug Anlass zu kritischer Beobachtung.

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