Von HNA-Redakteur Tibor Pézsa

Kommentar zum Sozialpapier der Kirchen: Wichtiger, überfälliger Anstoß

Tibor Pézsa (E-Mail: tpa@hna.de)

Mit einer gemeinsamen Sozialinitiative wollen sich Deutschlands Katholiken und Protestanten wieder in die gesellschaftliche Debatte einmischen. Ein Kommentar von Tibor Pézsa, Leiter der Nachrichtenredaktion der HNA.

"Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse (Niedergang) um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht." Nein, diese Worte stammen nicht aus dem neuen Sozialpapier der Kirchen. Veröffentlicht hat sie Papst Franziskus in seiner unlängst erschienenen Schrift "Evangelii Gaudium" (Freude des Evangeliums/Freude am Evangelium).

Das klingt wesentlich radikaler als die wohlbedachten Formulierungen der kirchlichen Sozialinitiative. Doch wer die Positionsbestimmung der Kirchen in Deutschland als weichgespült kritisiert, der muss sich fragen lassen, ob er sie wirklich gelesen hat.

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Erstens ist das Papier eine Einladung zur Debatte, keine Vorschrift. Wer die Dinge anders sieht - ob mit kühlem Verstand oder mit heißem Herzen - der kann und sollte sich einfach an diesem Gespräch über unsere Sozial- und Wirtschaftsordnung beteiligen.

Zweitens mangelt es dem Papier keineswegs an klaren Aussagen. Es ist ein überfälliges und höchst wünschenswertes Gegengewicht zu der Politik der größtanzunehmenden großen Koalition, deren Problem das gegenseitige Einvernehmen zu sein scheint - aber nicht das notwendige Ringen um die großen, die wichtigen, die langfristigen Fragen unseres Landes.

Wohlstand muss gerechter verteilt werden. Nachhaltiger Unternehmenserfolg muss Maßstab für die Entlohnung von Managern sein. Die Folgen riskanter Geschäftspolitik dürfen nicht auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Die Menschen, welche die Krise nicht verursacht haben, sollen nicht mit ihrer Lösung belastet werden. Der Beitrag, den Familien mit ihren Erziehungs- und Pflegeleistungen erbringen, muss im Sozialsystem deutlicher berücksichtigt werden. Das alles soll Wischiwaschi sein?

Im Gegenteil: Wir können und müssen sehr vieles besser machen in unserem Land. Die Kirchen sind eben nicht nur Bischof Tebartz-van Elst & Co. Sie halten uns den Spiegel vor, und das ist gut so. Wer von ihnen das eindrucksvoller tut, der Papst oder die deutschen Bischöfe, mögen die Talkmaster beantworten.

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