Kompletter Abschied vom Turbo-Abitur - neue Regeln in Niedersachsen

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Immer wieder politischer Streitfall: Das Abitur, die Dauer der Schulzeit und die Inhalte. In Niedersachsen hat Ministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) neue Richtilinien zum Abitur nach acht Jahren vorgelegt. Die Schulen arbeiten längst schon wieder mit der Vorgabe neunjähriges Abitur.q

Hannover. „Weniger Stress, mehr Tiefe“, das verspricht Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) durch die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren Schulzeit.

Jetzt hat die Ressortchefin die Stundentafeln und Regeln für das neue G 9 vorgelegt.

„Dadurch gewährleisten wir ein hohe Qualität der Ausbildung in den Gymnasien“, sagte sie in Hannover. Niedersachsen ist das erste Bundesland, das sich komplett vom Turbo-Abi verabschiedet; das G 8 hatte die damalige CDU/FDP-Regierung zum Schuljahr 2004/05 eingeführt.

Im Frühjahr 2021 legen die ersten Schüler das neue Abitur ab, im Schuljahr 2018/19 startet die reformierte Oberstufe. Klasse 11 bildet dann die Einführungsphase; die Jugendlichen müssen hier 30 Pflichtwochenstunden absolvieren. „Mehr bleibt natürlich möglich“, betonte der zuständige Referatsleiter im Ministerium, Andreas Stein, mit Blick auf eine dritte Fremdsprache oder ein viertes Fach in Naturwissenschaften.

Im bisherigen G 8 sind es im elften Jahrgang 34 Pflichtstunden. Im Unterrichtsfach Politik-Wirtschaft kommt eine weitere Stunde hinzu; sie soll der Studien- und Berufswahlorientierung, insbesondere durch ein Betriebspraktikum, dienen. In der Qualifikationsphase der Jahrgänge 12 und 13 sinken die Pflichtwochenstunden von derzeit 34 auf künftig 32. Auf der anderen Seite stärkt das Ministerium die Schwerpunktfächer um eine weitere auf dann fünf Stunden. „Dadurch können Inhalte und Kompetenzen vertieft und verinnerlicht werden“, erklärte Heiligenstadt.

Jugendliche können zudem Informatik als neues Schwerpunktfach wählen – sofern denn auch genug Fachlehrer dafür vorhanden sind. Da sei bei 60 Kräften für die 220 Gymnasien zwar noch nicht flächendeckend der Fall, aber man sei auf einem guten Weg, sagte Stein.

Heiligenstadt wies Unkenrufe über den „bevorstehenden Untergang des Abendlandes“ wegen der Stundenreduzierungen in den einzelnen Jahrgängen zurück. Kritik hatte sich vor allem an der Kürzung von Kunst- und Musikunterricht geregt.

Über die gesamten neun Jahre Gymnasien gerechnet erreiche man künftig im Schnitt 273 Wochenstunden, gleiche also entfallene Stunden mehr als aus, stellte die Ressortchefin klar. Mit diesem Wert liege man deutlich über den Vorgaben der Kultusministerkonferenz und nach Hessen auf dem zweitbesten Platz. Im derzeitigen G 8 betrage die Wochenstundenzahl lediglich 265.

Auch die Abi-Prüfung selbst bekommt laut Ministerin eine „Frischzellenkur“: Die Kandidaten können künftig zwischen 32 bis 36 Kurse einbringen; bisher liegt die Zahl starr bei 36.

In einer ersten Stellungnahme äußerst sich der Niederscächsische Philologenverband positiv: Man habe die vorgelegten Regelungen im Vergleich zu ersten Vorentwürfen mit Genugtuung zur Kenntnis genommen, teilt Vorstandsmitglied Helga Olejnik mit. „Wir hatten an mehreren geplanten Regelungen massiv Kritik geübt, und das Ministerium hat jetzt wenigstens in einigen Punkten unsere sachgerechten Vorschläge umgesetzt.“

Gemeint sind die Regelungen für die Versetzung von der 11. Klasse in die zweijährige Kursstufe, die zunächst vorsahen, mangelhafte Leistungen selbst in Pflichtfächern für die Versetzung nicht zu berücksichtigen. Die jetzt vorliegende Verordnung entspreche, wie vom Philologenverband gefordert, wieder den bewährten Regelungen des früheren G9 und beinhalte richtigerweise, dass alle Pflicht- und Wahlpflichtfächer in die Versetzungsentscheidung einzubeziehen sind, wie das auch in der Mittelstufe der Fall ist.

Ganz und gar nicht passt dem Niedersächsischen Philologenverband die Aushebelung einer zweiten Fremdsprache in Jahrgang 11. Die sichere Beherrschung mehrerer Sprachen und interkulturelle Kompetenz, wie sie durch Fremdsprachenunterricht vermittelt würden, seien aber unverzichtbare Kernbereiche in einem Gymnasium, sagt Olejnik.

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