Nicht nur Stickoxide zu hoch – Ergebnisse für 30 Auto-Modelle weiter geheim

Kontrollen nach Abgasskandal: Jetzt droht neuer CO2-Ärger

Mercedes C-Klasse beim TÜV in Hildesheim: Im Gefolge des Dieselabgas-Skandals haben amtliche Messungen neben überhöhten NOx-Werten auch verdächtig hohe CO2-Werte gebracht. Foto: dpa

Berlin. Bei amtlichen Messungen am Auspuff von über 50 Autos ging es im Gefolge des Dieselabgas-Skandals eigentlich um das gesundheitsschädigende Stickoxid (NOx).

Jetzt zeigt sich: Tricks der Autoindustrie, die den wahren NOx-Ausstoß beschönigen, sind nur die halbe Wahrheit. Auch beim Klimakiller CO2 zeigten 30 von 53 Modellen diverser Marken verdächtig hohe Werte. Das Bundesverkehrsministerium bestätigte Recherchen des Spiegel, ohne Details zu nennen. Insider sprechen von einer Bombe.

BGH-Urteil 

Der Grund: Mehr CO2 als angegeben steht für höheren Spritverbrauch als auf dem Papier - egal, ob Diesel oder Benziner. Da geht es um Geld an der Tankstelle und um Kundenrechte: Liegt ein Neuwagen beim Spritverbrauch zehn Prozent oder mehr über den Herstellerangaben, kann der Käufer das Auto zurückgeben.

So viel Extradurst werten Gerichte bis hinauf zum BGH als Sachmangel. Der wiederum berechtige zu Schadenersatz oder Rücktritt vom Kauf. Problem bislang: Wer mit einer Zivilklage vor Gericht zieht, muss selbst nachweisen, dass der Wagen unter Laborbedingungen tatsächlich mehr verbraucht. Spritwerte aus dem Bordcomputer, heißt es beim Autoclub ACE, seien nicht gerichtsrelevant. Es braucht Gutachten von Sachverständigen. Und die können den Kläger schnell „5000 oder 10 000 Euro kosten“, sagte Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutsche Umwelthilfe (DUH), unserer Zeitung.

Würden jüngste Messprotokolle des Kraftfahrtbundesdamtes (KBA) nun Mehrverbräuche jenseits der 10 Prozent Modell für Modell quasi mit amtlichem Segen dokumentieren, könnte die Beweislage vor Gericht ganz anders aussehen. Das Ministerium will weiter messen. Sprich: Die brisante Liste der CO2-Sünder bleibt unter Verschluss.

Als einen der Verdächtigen haben Spiegel, das ARD-Magazin Monitor und die DUH den Opel Zafira geoutet, der schon mit Stickoxiden unangenehm auffiel. Auf dem Prüfstand des TÜV Nord in Essen habe der statt der angegebenen 109 Gramm CO2 pro Kilometer mit 127 g/km abgeschnitten: „Die Emissionen fallen 16,5 Prozent höher aus“ - genau so wie der Spritverbrauch. Opel-Tests hätten hingegen keine Abweichungen von offiziellen Angaben zum CO2-Ausstoß ergeben, zitiert der Spiegel den Rüsselsheimer Autobauer. Opel wies gestern Vorwürfe in Sachen NOx auf mehreren Seiten Text zurück: Anschuldigungen basierten „auf irreführenden Vereinfachungen und Fehlinterpretationen“.

„Das Problem falscher Spritverbrauchsangaben betrifft alle Hersteller“, heißt es bei der DUH. Und neben Autofahrern beim Tanken zudem Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Auch die Kfz-Steuer hängt an den CO2-Werten: „Allein 2016 beträgt der Schaden durch Steuermindereinnahmen 2,2 Mrd. Euro.“ (mit dpa)

Opels Konter in Sachen NOx

„Viel im Gebirge - mehr Verbrauch“

Reaktionen von Industrie und Opposition 

Es sei verständlich, dass hohe Abweichungen zwischen offiziellen Abgaswerten und Ergebnissen in der Praxis für Verärgerung sorgen und Kunden und der Gesetzgeber verlässlichere Angaben erwarten, hatte der Verband der Automobilindustrie (VDA) die Offenlegung eines Teils der KBA-Messungen im April kommentiert. Die Unternehmen täten alles, „um ihre Hausaufgaben zu erledigen“, sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann.

Vor vier Wochen ging es nur um Stickoxide - zu den verdächtig hohen CO2-Werten äußerte sich der VDA einstweilen nicht. Erste Kritik in diese Richtung hatte der Verband Anfang Mai zurückgewiesen. Es gebe abseits der Manipulationen bei Volkswagen keine illegalen Praktiken, sagte eine Sprecherin damals.

Für Differenzen zwischen Werten auf dem Prüfstand und auf der Straße gebe es mehrere Gründe: „Wer viel im Gebirge unterwegs ist, öfter einmal schneller auf der Autobahn fährt oder viele Komfortfunktionen nutzt, verbraucht mehr als andere.“

Grünen-Verkehrsexperte Oliver Krischer sagte gestern: „Statt das Thema weiter auszusitzen und das Schummeln der Autoindustrie zu decken“, müsse Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) „endlich reinen Tisch machen“ und Gesetze ändern. (dpa)

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