Dokumente können weltweit ausgewertet werden

Kriegsakten der Roten Armee sind digitalisiert

Juli 1943: Das von der Wehrmacht zu Propagandazwecken aufgenommene Bild zeigt die Brandschatzung eines russischen Dorfes durch deutsche Soldaten. Der gnadenlos geführte Kampf gegen Partisanen führte vielfach zu Übergriffen auf die Zivilbevölkerung, auch durch die Wehrmacht. Archivfoto: dpa

Podolsk. Politisch dominieren derzeit gegenseitige Vorwürfe zwischen Deutschland und Russland, doch die Zusammenarbeit von Historikern beider Länder läuft weiter. Jetzt öffnet eines der am schwersten zugänglichen russischen Archive seine Bestände.

Im Zentralarchiv des russischen Verteidigungsministeriums lagert ein besonderer Schatz: 28.000 Bände Akten der deutschen Wehrmacht.

Von der großformatigen Lagekarte bis zum kleinen Schmierzettel sind es geschätzt 2,5 Millionen Blatt Papier, die in der Stadt Podolsk bei Moskau gehütet werden. Sie dokumentieren die Niederlage Nazideutschlands im Ostfeldzug gegen die Sowjetunion. Die Rote Armee erbeutete diese Akten auf ihrem Siegeszug bis Berlin 1943 bis 1945.

Eine der Akten der deutschen Wehrmacht im Zentralen Archiv des russischen Verteidigungsministeriums. Fotos: dpa

Wie auch die Beutekunst aus Deutschland hat Russland die Dokumente zu Staatseigentum erklärt. Doch jetzt, sieben Jahrzehnte nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg, heben Deutsche und Russen den Aktenschatz auf pragmatischem Weg: Bis 2018 soll der gesamte Bestand digital aufgenommen und im Internet der Forschung zugänglich gemacht werden.

„Die Akten werden virtuell zurück nach Deutschland gebracht“, sagt der Wissenschaftler Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut (DHI) in Moskau. Politisch knirscht es derzeit zwischen Deutschland und Russland wegen der Ukraine-Krise. Das macht das wissenschaftliche Vorhaben umso wertvoller. Beide Seiten zeigen, dass Kooperation weiter möglich ist.

„Unsere Aufgabe ist, diese Dokumente so gut zugänglich wie möglich zu machen“, sagt auch Igor Permjakow, der Direktor des Militärarchivs CAMO. Im Lesesaal zeigt er einige Kostbarkeiten, zum Beispiel Notizen aus dem Kriegstagebuch der Heeresgruppe Mitte. „Dörfer, Wälder in der Frontzone abbrennen. Sprengung der Kirche von Nikolino“ steht darin als Befehl nach einem Frontbesuch von Generalfeldmarschall Hans Günther von Kluge 1942. Eine Karte zeigt die Partisanenbewegung, in der Wehrmachtssprache die „Bandenlage“, auf der Krim 1944.

Chronik:

• Im Morgengrauen des 22. Juni 1941 überschreiten 153 Divisionen der Wehrmacht auf einer Breite von 1600 Kilometern die Grenze zur Sowjetunion.

• Hunderttausende Russen geraten während gewaltiger Kesselschlachten in Gefangenschaft.

• Obwohl zwei Monate hinter dem Zeitplan und trotz ausgelaugter Kräfte ordnet Hitler den Angriff auf Moskau an. Er beginnt am 2. Oktober 1941.

• Sibirische Divisionen treten am 5. Dezember 1941 zum Gegenangriff an. Hitler befiehlt „Halten um jeden Preis“, wirft seinen Generälen vor, „zuviel Mitleid mit den Soldaten zu haben“.

• Im Winter 1942/43 bleibt in Stalingrad der deutsche Vormarsch stecken, die 6. deutsche Armee wird vernichtet.

• Am 16. April 1945 beginnt die Schlacht um Berlin, wo Hitler am 30. April Selbstmord begeht.

• Am 8. Mai 1945 endet mit der deutschen Kapitulation der Zweite Weltkrieg in Europa.

• 50 Millionen Menschen sterben, unter ihnen sind über sechs Millionen ermordete Menschen, vor allem Juden. 3,8 bis 4 Millionen deutsche Soldaten und 1,6 Millionen deutsche Zivilisten sterben. Über 25 Millionen Menschen Tote hat die Sowjetunion. Relativ hat Polen die meisten Opfer: Sechs Millionen tote Polen - das sind 17 Prozent der Vorkriegsbevölkerung.

Hintergrund

Der Russlandfeldzug wurde mit äußerster Brutalität geführt - auch gegen Zivilisten. Das dürfte auch das nun besser zugängliche Archivmaterial vielfach belegen.

Adolf Hitlers Thesen über den angeblich benötigten „Lebensraum im Osten“ hingen eng zusammen mit seiner Rassenideologie (die Juden als „Verderber der Menschheit“) und aggressivem Antibolschewismus („organisierte Gottlosigkeit“). In den Tisch- und Kamingesprächen Hitlers war oft vom „Germanenzug nach Osten“ die Rede. Für die „slawischen Untermenschen“ werde ein Sklaven-Dasein übrigbleiben. Wo so geredet wurde, wurde auch so befohlen.

Am 30. März 1941 erklärte Hitler vor hohen Offizieren: „Es handelt sich um einen Vernichtungskrieg.“ In Polen war die Wehrmacht 1939 bereits zum Mitwisser von Hitlers Ausrottungspolitik geworden, nun, am 13. Mai, erging der „Erlass über die Gerichtsbarkeit im Gebiet Barbarossa“. Freischärler seien „schonungslos zu erledigen“, hieß es da. Vergehen von Wehrmachtsangehörigen an sowjetischen Zivilisten müssten nicht verfolgt werden. Und am 6. Juni erging der berüchtigte Kommissarbefehl. Politische Kommissare der Roten Armee, die „Urheber barbarisch-asiatischer Kampfmethoden“, seien „wenn im Kampf oder bei Widerstand ergriffen, grundsätzlich sofort mit der Waffe zu erledigen“.

Der Wehrmacht folgten „Einsatzgruppen“ von SS, SD und Gestapo. Bis November 1941 waren bereits 380 000 Juden ermordet worden, allein 33 000 an zwei September-Tagen in der Schlucht von Babi Jar bei Kiew. Die Wehrmacht leistete dabei Beihilfe oder wurde selbst tätig. 

Von Friedemann Kohler

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