K+S: Ausweg in Bischofferode?

1994 wurde Bischofferode stillgelegt, hier ein Foto der Kaligrube im nordthüringischen Eichsfeld von 1993: Schachthauer Herbert Kindler beim Kontrollgang auf dem Förderturm. Die Grube ist teilgeflutet, derzeit werden laut Umweltministerium in Erfurt die Schächte verfüllt. Zur Flutung könnte auch Salzabwasser aus dem Werra-Kalirevier angefahren werden. Archivfoto: dpa

Kassel. Knapp drei Monate vor Ablauf des Jahres 2016 hat der Kasseler K+S-Konzern ein dickes doppeltes Problem bei der Entsorgung seiner Salzabwässer.

Die Restmengen, die im Werrarevier dieses Jahr noch in tiefe Gesteinsschichten versenkt werden dürfen, sind praktisch schon aufgebraucht. Und wie es 2017 weitergeht, das steht in den Sternen. Fragen und Antworten:

K+S produziert mehr Abwasser, als auf den altbekannten Wegen entsorgt werden kann. Warum? 

Weil die Werra mangels Regen immer wieder längere Zeit zu wenig Wasser führt: Das begrenzt die Einleitmenge in den Fluss. Und weil zweitens der andere Entsorgungsweg, die Abwasserversenkung in 400 bis 500 Metern Tiefe, für 2016 nur noch eng begrenzt erlaubt wurde. K+S bemüht sich beim Regierungspräsidium Kassel derzeit um einen Nachschlag zu den erlaubten 725.000 m3. Ob und wann der kommt, ist offen.

Warum nur 725.000 m3 für 2016? Seit 1925 wurden doch schon eine Milliarde Kubikmeter versenkt. 

Ja, aber mindestens ein Drittel davon ist nach oben zurückgekommen, in die Werra gesickert oder irgendwo im Grundwasserleiter Buntsandstein unterwegs. Dass die Versenkung wegen ihrer Risiken für Grund- und Trinkwasser enden muss, sagen hessische Politiker und Behörden schon seit Jahren. Thüringen hat einen letzten Versenkversuch schon 2007 gestoppt. In Hessen ist das endgültige Aus auf 2021 verschoben - gegen alle Warnungen von Kritikern.

Und was wird im kommenden Jahr? 

Alles hängt nach Angaben von RP und Umweltministerium am sogenannten 3-D-Modell. Das ist ein extrem aufwendiges Computermodell, das Abwasserströme im Grundwasserleiter Buntsandstein der Werraregion kontrollieren und vorhersagen soll. Das System ist hochkomplex, soll für 1200 Quadratkilometer und durch 21 Gesteinsschichten rechtzeitig Gefahren für Grund- und Trinkwasser signalisieren. Es hat bislang trotz jahrelanger Überarbeitung bei K+S aber immer noch zu große Mängel.

Was für Mängel sind das genau? 

!Kurz gesagt: Was seit Jahrzehnten an Hunderten Kontrollpunkten im Werrarevier gemessen wurde und was der Computer für vergleichbare Zeiträume berechnet hat, stimmt zu wenig überein - etwa zu Grundwasserständen und Versalzungsgraden. Die Daten liegen noch so weit auseinander, dass sich Behörden für Blicke in die Zukunft schon gar nicht auf das Modell verlassen wollen - obwohl sie es doch seit Jahren in ihren Versenkerlaubnissen einfordern. Ein krasses Beispiel für die 3-D-Rechenkünste stammt vom Mai aus der 46sten Modellversion: Damals sagten die Rechner für 28 von 49 Trinkwasserbrunnen im Versenkgebiet für das Jahr 2050 Chlorid-Versalzungswerte voraus, die weit über den zulässigen Grenzwerten lägen. Damit wäre eine weitere Versenkung wohl vom Tisch. Aber, wie gesagt: Das Modell gilt bislang als nicht zuverlässig genug.

Und wie geht die Sache nun weiter? 

Das 3-D-Modell soll mittlerweile in seine 60ste Version verfeinert worden sein. Hessens Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) sagte gestern im Landtag, Ende Oktober erwarte man von K+S die Vorlage in einem akzeptablen Zustand. Dann werde es von Fachleuten geprüft. Falls das Modell als Basis einer neuen Versenkerlaubnis ab Januar taugt, müsste der RP die bis Silvester fertighaben.

Gäbe es Alternativen zur Versenkung? 

Langfristig wird vieles geprüft. Reduzierung der Abwassermassen: Ab 2018 will K+S von derzeit 7 Mio. m3 im Jahr auf 5,5 Mio. kommen. Dann die Abdeckung von Abraumhalden, damit nicht jeder Regen Salzwasser auswäscht. Schließlich Deponierung von Salzabwasser in Salzbergwerken: Am schnellsten könnte das wohl in Bischofferode gehen, der aufgelassenen Kaligrube im nordthüringischen Eichsfeld. Die wird so oder so geflutet. Es gebe Gespräche in einer sehr frühen Phase, heißt es von K+S.

Gaskavernen und andere Hohlräume

• Drei von der von Gas-Union in Reckrod (Rhön) betriebene Kavernen zur Zwischenlagerung von Erdgas haben jeweils ein Volumen von etwa 400 000 Kubikmetern: Es gilt als denkbar, sie mit Salzabwasser zu füllen. Man prüfe die Sache, hieß es im Juli von der Gasunion.

• In Niedersachsen werden derzeit die Bergwerke Mariaglück, Bergmannssegen-Hugo/Friedrichshall und Niedersachsen-Riedel geflutet. „Eine Flutung mit salzhaltigen Lösungen ist zu bevorzugen“, heißt es vom Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG): „Grundsätzlich könnten in alle zu flutenden Salzbergwerken Kalisalzabwässer verbracht werden.“ Man müsste sie eben hinfahren.

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