Kurzer Weg zu Waffenpapieren

Bargeld statt Schießprüfung: Hamelner Großkaliber-Schützen drohen bis zu zehn Jahre Haft

Patronen in Gold: Hamelner SSV-Homepage. Screenshot: meb

Hameln. Nachdem die Staatsanwaltschaft Hannover Anklage wegen Bestechlichkeit gegen den Vorstand und weitere Mitglieder des Schießsportvereins SSV Hameln 2000 erhoben hat, dürften Waffenfreunde landauf landab ins Grübeln kommen.

Zwei SSV-Chefs, der Kassenwart und drei Helfer sollen bundesweit schwunghaften Handel mit Papieren getrieben haben, die Behörden verlangen, bevor sie Waffenbesitzkarten ausgeben.

Für 1500 Euro oder mehr soll in Hameln der sogenannte Sachkundenachweis fix über den Tisch gegangen sein. Nötig sind normalerweise eine einjährige Mitgliedschaft im Schützenverein, Training mit Belegen, theoretische und praktische Prüfung, die Behörden an Vereine delegieren können. In Hameln reichten laut Anklage ein paar Geldscheine. Zu dieser Erkenntnis verhalfen der Polizei auch als Kunden getarnte verdeckte Ermittler. Der SSV war weithin bekannt: Über 90 Häuser wurden unter anderem in Niedersachsen, Berlin, Hamburg, Bayern und NRW im Mai durchsucht, fast 90 Fälle sind nun angeklagt.

Allein der SSV-Kassenwart soll laut Anklage bei diesen Deals 74 000 Euro kassiert haben. Er sitzt wegen Fluchtgefahr in U-Haft: Der Mann soll Grundeigentum in Italien haben. Ihm und seinen Vorstandskollegen drohen wegen Bestechlichkeit in besonders schwerem Fall bis zu zehn Jahre Haft. Ihre Kunden könnten mit Bestechungsvorwürfen konfrontiert werden. Und der Forderung von Behörden, großkalibrige Pistolen wieder abzugeben.

Dass über den SSV vor allem rechtsextreme Kreise und Rotlichtmilieu aufgerüstet worden sein sollen, nannte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft auf Anfrage eine bloße Spekulation. Über die Zulassung der Anklage entscheidet das Landgericht Hannover.

Der SSV-Chef, ein Jurist, hat seinen Arbeitsplatz mittlerweile aus Hameln wegverlegt. Und seine Ankündigung kurz nach der Razzia, den Schießclub auflösen zu wollen („Der Imageverlust ist einfach zu groß“)? Im Vereinsregister lebt der SSV weiter, im Netz lädt die Homepage wie früher mit großkalibriger Sauer-Pistole und einer Handvoll Patronen ein: „Für unsere Spezialisten ist es selbstverständlich, Sie persönlich und individuell zu betreuen. Wir sprechen Deutsch, Englisch, Russisch, Italienisch und Türkisch.“ Die Auflösung sei kompliziert, man wolle den Gang der Dinge abwarten, hieß es gestern.

Der Schießstand direkt an der A2 (SSV: „Sehr gute Erreichbarkeit!“) aber ist dahin. Der Schützenverein Rehren hat dem SSV die Schießbahn-Mitbenutzung gekündigt. Von der Mitgliederliste der Deutschen Schützenunion (DSU) ist der Club per Ausschluss ebenfalls getilgt. Man habe mit den Ermittlern kooperiert und großes Interesse an Aufklärung, so der DSU-Justitiar gegenüber unserer Zeitung.

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