"Sie sind zu teuer und fördern die Chancenungleichheit"

Landesschulsprecher fordert Abschaffung: "Hausaufgaben machen krank“

Die Landesschülervertretung Hessen fordert, Hausaufgaben abzuschaffen. Wir sprachen darüber im Interview mit Landesschulsprecher André Ponzi (20).

Herr Ponzi, Hausaufgaben gibt es seit dem 15. Jahrhundert. Warum wollen Sie sie jetzt abschaffen? 

André Ponzi: Wir wollen Hausaufgaben in ihrer jetzigen Form abschaffen, weil sie die Chancenungleichheit fördern, Eltern zu viel Geld kosten und sogar krank machen.

Inwiefern? 

Ponzi: In Deutschland geben Eltern jedes Jahr zwei Milliarden Euro für Nachhilfe aus. Das macht 250 Euro pro Schüler. Viele Eltern können sich das nicht leisten. Deren Kinder bleiben dann auf der Strecke und verlieren in der Schule den Anschluss.

Und warum machen Hausaufgaben krank? 

Ponzi: Durch die Umstellung auf G8 ist ohnehin ein Stresspensum entstanden, das unmöglich geworden ist. Die Burnout-Rate unter Schülern ist gestiegen. Studien aus Spanien belegen, dass Hausaufgaben ab 90 Minuten pro Tag schädlich sind. Ohnehin glaube ich: Wer weniger gestresst ist, geht motivierter in den Unterricht.

Hausaufgaben haben ja den Sinn, dass Schüler Unterrichtsstoff vertiefen, Vokabeln wiederholen, selbstständiges Arbeiten lernen. Würde ihre Abschaffung nicht eine der Grundsäulen des Lernens zerstören? 

Ponzi: Nein. Wir schlagen ja alternativ ein Drei-Säulen-Modell vor. Erstens: Wir fordern eine verpflichtende Wochenstunde für Übungsaufgaben. Zweitens sollte der Lehrplan reformiert werden. Es sollte nicht darauf ankommen, dass der Lehrer den Stoff schafft, sondern dass die Schüler den Stoff schaffen. Das heißt auch, Fünft- und Sechstklässlern verstärkt beizubringen, wie sie selbstständig lernen - ohne dabei auf Eltern oder gar auf Nachhilfe angewiesen zu sein.

Und drittens? 

Ponzi: Die dritte Säule bilden freiwillige Übungsaufgaben für zu Hause. Diese Aufgaben dürfen aber nicht in die Note einfließen.

Machen Schüler wirklich freiwillig Hausaufgaben? 

Ponzi: Ich glaube, dass meine Generation genau weiß, worauf es in der Schule ankommt. Diejenigen, die heute schon Hausaufgaben machen, werden es auch weiterhin tun. Dafür spricht auch, dass eine Schule in Wuppertal (NRW) dieses Drei-Säulen-Modell bereits erfolgreich umgesetzt und dafür 2015 den deutschen Schulpreis bekommen hat.

Was sagen eigentlich Ihre Lehrer zu Ihren Forderungen? 

Ponzi: Einerseits würden sie es begrüßen, wenn das selbstständige Lernen gefördert werden würde. Andererseits fragen sie mich auch, wo sie denn dann mit dem ganzen Unterrichtsstoff hinsollen, wenn es keine Hausaufgaben mehr gibt.

Was antworten Sie dann? 

Ponzi: Hausaufgaben sind laut unserem Schulgesetz nicht dazu da, Unterricht nachzuholen, sondern das Erlernte aus dem Unterricht zu festigen. Aber diese Denkweise - was im Unterricht nicht erledigt wird, muss zuhause erledigt werden - ist in hessischen Schulen in den letzten Jahren leider Realität geworden. So kann es aber nicht weitergehen.

Als Landesschulsprecher sind Sie bis zum 18. November gewählt. Welche Themen wollen Sie noch anpacken? 

Ponzi: Wir haben ein ganz großes Defizit in puncto Politikinteresse und Politikwissen. Dem wollen wir mit einer Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung entgegenwirken, vor allem in Haupt- und Realschulen. Darüber hinaus liegt mir das Thema Gleitzeit sehr am Herzen.

Gleitzeit für Schüler? 

Ponzi: Genau. Schüler sollten selbst entscheiden können, ob sie zur ersten oder dritten Stunde kommen. Mein Ziel ist es, dieses Thema voranzutreiben. Ein Konzept dafür steht aber erst nach den Sommerferien.

ZUR PERSON

André Ponzi (20), Sohn eines Italieners und einer Deutschen, ist seit Mai Landesschulsprecher und vertritt die Interessen von 850 000 Schülern aller weiterführenden Schulen in Hessen. Er lebt in Darmstadt und besucht die zwölfte Klasse der Gerhart-Hauptmann-Schule im benachbarten Griesheim. Seine Leistungsfächer sind Englisch und Politik. Nach dem Abitur möchte er Lehramt studieren.

Rechtliches zu Hausaufgaben

In Paragraf 3 des hessischen Schulgesetzes heißt es: „Die Anforderungen und die Belastungen der Schüler durch Unterricht, Hausaufgaben (...) müssen altersgemäß und zumutbar sein und ihnen ausreichend Zeit für eigene Aktivitäten lassen“. Paragraf 35 der Verordnung zur Gestaltung des Schulverhältnisses besagt: „Hausaufgaben ergänzen die Unterrichtsarbeit durch Verarbeitung und Vertiefung von Einsichten und durch Anwendung von Kenntnissen und Fertigkeiten.“ Und: „Hausaufgaben sollen so vorbereitet und gestellt werden, dass sie ohne außerschulische Hilfe in angemessener Zeit bewältigt werden können“.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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