Schulkonflikte sollten in der Schule gelöst werden, nicht vor Gericht

Was Lehrer dürfen - und was nicht: Das sollten Schüler wissen

Das dürfte Lehrern gerade noch gefehlt haben: Ein neues Sachbuch erklärt Schülern, was Lehrer dürfen und was nicht. Warum das Werk ein Beitrag zur Kommunikation an Schulen ist.

Beispiele aus dem Buch „Was Lehrer nicht dürfen“:

Darf ich eigentlich auch als Schüler mit einem roten Stift schreiben? 

Mit einem roten Stift zu schreiben ist nicht verboten. Der Lehrer darf aber anordnen, dass die Schüler nicht mit Rot schreiben dürfen, weil er selber mit einem roten Stift korrigiert. Das muss dann beachtet werden.

Darf der Lehrer sich so viel Zeit lassen, wie er will, um eine Klassenarbeit zu korrigieren? 

Eine Klassenarbeit sollte normalerweise binnen zwei bis drei Wochen korrigiert an die Schüler zurückgegeben sein. Nicht der Lehrer entscheidet, wann die Rückgabe erfolgen muss. Wann die Arbeit zurückgegeben sein muss, ergibt sich vielmehr aus dem Schulrecht. Es gilt dafür das Schulrecht in dem Bundesland, in dem der Lehrer unterrichtet.

Beenden der Lehrer oder das Klingeln den Unterricht? 

Grundsätzlich gilt: Der Lehrer, nicht der Schulgong beendet den Unterricht.

Darf ein Lehrer verbieten, auf die Toilette zu gehen, wenn ein Schüler muss? 

Nein. Rechtlicher Hintergrund: Artikel 1 des Grundgesetzes (GG) garantiert die Menschenwürde. Gemeint ist damit, dass alle Menschen menschenwürdig behandelt werden. Zu einer menschenwürdigen Behandlung zählt es, einen Toilettengang zu ermöglichen, wenn es nötig ist. In besonderen Situationen sind Beschränkungen bei Toilettengängen zulässig, beispielsweise bei Prüfungen. Aber auch hier ist ein Toilettenverbot unzulässig. Der Prüfungszweck erlaubt freilich, dass immer nur ein Schüler die Toilette aufsuchen darf.

Darf ich im Unterricht meine Jacke anbehalten? 

Die Schulordnung sollte diese Frage regeln.

Darf ein Lehrer mein Smartphone durchsuchen, nachdem er es einkassiert hat?

Nein, darf er nicht. Der Lehrer darf das Smartphone an sich nehmen, damit im Unterricht Ruhe herrscht. Er darf es nicht „durchforsten“, weder nach Videos noch nach Dateien, Mailverläufen oder Chats. Dies darf der Lehrer auch dann nicht, wenn auf dem Smartphone unerlaubte Inhalte zu finden wären. (...) Die Durchsuchung und die Beschlagnahme von Schülerhandys ist allein der Polizei gestattet (§§ 98 und 105 StPO).

Darf ein Lehrer Kaufempfehlungen geben? 

Hier gilt: Informieren ja. Empfehlen nein. Lehrer sind an Unterrichtsinhalte gebunden. Dennoch kann im Unterricht das Gespräch auf Modeartikel kommen. Dann darf der Lehrer über bestimmte Produkte informieren.

Was der Mitautor und Jurist Rolf Tarneden zu dem Werk sagt:

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Schüler über ihre Rechte aufzuklären?

Rolf Tarneden: Die Schüler Dallan Sam und Fernando Rode sind an mich herangetreten. Ich war über die Anfrage verwundert. Ich habe dann in Soziale Netzwerke geschaut und festgestellt, dass Schüler-Lehrer-Konflikte dort ein Riesenthema sind. Außerdem gab es einen solchen Ratgeber noch nicht.

Was ist das häufigste Streitthema zwischen Schülern und Lehrern? 

Tarneden: Das Handy. Vielen Schülern ist ihr Smartphone sehr wichtig, und die Lehrer stört das Smartphone – im Unterricht hat das Handy nichts zu suchen. Heftig diskutiert wird in Foren auch, ob ein Lehrer anordnen darf, dass man nachsitzen muss oder ob er Strafarbeiten aufgeben darf. Klassenbucheinträge bewegen Schüler ebenfalls stark, hitze- und kältefrei auch.

Könnte Ihr juristischer Ratgeber dazu beitragen, das Klima an Schulen zu verschärfen? 

Tarneden: Nein, ich glaube eher, dass wir einen wertvollen Beitrag zur Kommunikation an Schulen leisten können. Als Fazit zu einzelnen Themen empfehlen wir sehr häufig: Suche das Gespräch mit dem Lehrer oder mit der Schulleitung – und nicht: Geh zum Anwalt. Es geht mir nicht darum, die Betroffenen, die in einer Bildungseinrichtung verbunden sind, zu spalten. Mein Buch soll Schülern helfen, aber die Konfliktlösung soll in der Schule erfolgen. Das war mir ganz wichtig.

Hat sich das Klima an den Schulen verschärft, wenn sich Schüler jetzt schon über ihre Rechte informieren? Das war vor 20, 30 Jahren doch kein Thema? 

Tarneden: Von Lehrerverbänden hört man, dass juristische Auseinandersetzungen zugenommen haben. Es scheint so zu sein, dass kritischer nachgefragt wird. Und wo kritische Fragen gestellt werden, muss sich derjenige, der gefragt wird, auch dem Dialog stellen. Denn wo alles gut läuft, kommen die kritischen Fragen meist nicht auf.

Als Anwalt können Ihnen kritische Fragen recht sein, weil Sie von den Folgen profitieren. 

Tarneden: Ich kenne nur meine anwaltlichen Schreiben, ich weiß nicht, was andere Anwälte schreiben. An einer Schule sind bestimmte Bereiche nicht justiziabel. In den pädagogischen Bereich, der von Gerichten nicht überprüft werden kann, mische ich mich als Jurist nicht ein. Das wäre ja vermessen.

Was stellen sich Schüler und Eltern vor? Ein Beispiel, bitte. 

Tarneden: Nehmen wir an, ein Lehrer lässt nachsitzen und ordnet als Erziehungsmaßnahme ein Referat zu dem Thema an, warum es gut ist, aufeinander Rücksicht zu nehmen. Jetzt wollen die Eltern vom Anwalt wissen, ob der Lehrer das darf. Eine solche pädagogische Maßnahme kann nach unserer Rechtsordnung von Gerichten nicht überprüft werden. Das ist eine Frage für Pädagogen, nicht für Juristen. Ein solches Mandat würde ich nicht annehmen.

Aber gerade über Erziehungsfragen gibt es doch häufig Streit? 

Tarneden: Mag sein, aber da halte ich mich raus. Bei Pädagogik hat jeder seine eigene Meinung, und da hat auch jede Meinung ihre Berechtigung. Schulrecht befasst sich mit anderen Fragen, etwa, wenn ein Schüler zwei Wochen vom Unterricht ausgeschlossen wird. Dafür gibt es gesetzliche Regelungen.

Was ist schwieriger: Lehrer zu sein oder Jurist? 

Tarneden: Also, für mich als Anwalt ist es relativ leicht. Ein Lehrer steht vor 25 Schülern, und die 25 Schüler zeigen nicht immer eine wünschenswerte Aufmerksamkeit. Dass ein Lehrer da Stress hat, dass er mal durchgreift oder menschliche Reaktionen zeigt – das ist doch ganz normal. Man sollte an einen Lehrer auch keine Anforderungen stellen, die unrealistisch sind.

Was hat Sie bei der Produktion des Buches überrascht? 

Tarneden: Die Frage, ob man Anspruch auf Schadenersatz hat, wenn man sich in der Schule verletzt. Damit habe ich mich vorher nicht befasst, und auch wenn ich an meine eigene Schulzeit denke, war das kein Thema.

Und? 

Tarneden: Ja, unter bestimmten Umständen gibt es tatsächlich Geld.

Sie sind Vater von drei Jungen und einem Mädchen. Hat es Schulsituationen für Sie als Vater gegeben, in denen Sie mit Ihrem Latein am Ende waren? 

Tarneden: Nein.

Zur Person

Rolf Tarneden (42) ist Rechtsanwalt in Hannover, wo er auch sein Jurastudium absolviert hat. Seine Schwerpunkte sind unter anderem Schul- und Hochschulrecht. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

Das Buch

Dallan Sam, Fernando Rode, Rolf Tarneden: Was Lehrer nicht dürfen!, Ullstein, 112 Seiten, ISBN-13 9783548376684, 9,99 Euro.

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Rubriklistenbild: © dpa

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