Vor 75 Jahren

Leserzuschriften zu Hitlers Angriff auf die Sowjetunion: Was hat mein Vater erlebt?

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Vor 75 Jahren begann Hitlers Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion

Heute vor 75 Jahren überfielen Adolf Hitlers Truppen die Sowjetunion und überzogen das Land mit einem in dieser Brutalität kaum gekannten Vernichtungskrieg.

Wir hatten unsere Leser gebeten, uns zu berichten, wie in ihren Familien mit diesem Thema umgegangen wurde.

Wir bringen Auszüge aus den Zuschriften: 

"Mein Vater, geboren 1902 in Wellerode, war NSDAP-Mitglied, Jurist im Staatsdienst und Wehrmachtsoffizier im Einsatz in Sowjetrussland. Meine Familie besitzt alle Feldpostbriefe und -karten von ihm. Er schrieb mindestens einmal, oft mehrmals wöchentlich. Der Inhalt ist bewegend und bedrückend. Am 7. August 1942 schrieb er, was nicht ungefährlich war: „Nochmal: Ich würde es nicht begrüßen, wenn einer meiner Jungen ... aktiver Offizier würde. Begründung später.“ Was hat er erlebt, woran war er beteiligt?

Im November 1942 starb er nach schwerster Verwundung, ohne seine geliebte Heimat noch einmal gesehen zu haben. Unsere Mutter blieb mit vier kleinen Kindern allein. Wir haben an unseren Vater kaum oder keine Erinnerung. Umso wichtiger sind uns seine erhaltengebliebenen Worte."

Wolfgang Peter, Ahnatal 

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"Der Krieg war schon seit mehr als zweieinhalb Jahren beendet, als ich geboren wurde. Und doch hat er Auswirkungen auf mein Leben gehabt: Meine Eltern haben sich durch ihn kennen gelernt. Mein Vater kam als 20-jähriger Soldat nach Nordhessen, wo die Pioniere nach der Bombardierung der Edertalsperre eine zerstörte Eisenbahnbrücke wieder aufbauen mussten. Hochzeit in den letzten Kriegstagen in Wolfershausen, Heimkehr Ende 1946 aus Kriegsgefangenschaft, Arbeitssuche - es war ein schwieriger Start ins Familienleben.

Aber die Kriegsereignisse waren kein Tabuthema in unserer Familie. Ich erinnere mich an viele Erzählungen: dass der Hochzeitsfotograf aus Angst vor Tieffliegern nicht kam und meine Eltern am nächsten Tag mit einer geliehenen Kamera noch selbst ein Foto aufnahmen; dass mein Vater auf der Krim kämpfte und das Gefangenenlager auf den Rheinwiesen überstand; wie er später mehrmals versuchte, aus französischer Gefangenschaft zu fliehen, bis es tatsächlich gelang; wie meine Mutter durch eine glückliche Fügung der Bombardierung von Kassel am 22. Oktober 1943 entging - alles das und viel mehr war bei uns Gemeinwissen und ich bin heute sehr dankbar, dass wir darüber gesprochen haben, was meine Eltern und Großeltern in dieser Zeit durchgemacht haben.

Vor ein paar Wochen erst habe ich herausgefunden, wo mein Großvater väterlicherseits 1943 (an seinem 42. Geburtstag) gefallen und wo er nun begraben ist - gern würde ich es auch noch vom Bruder meiner Mutter erfahren, der mit 21 Jahren starb. Seinen Tod hat meine Großmutter nie verwunden."

Hildegard Spitzer, Kassel

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"Wir Kinder waren im Sinne der Nazis erzogen, mit zwölf Jahren bei Kriegsausbruch überzeugt, dass der Führer es richtig macht. In der Volksschule wurden wir von unserem Lehrer, der Ortsgruppenleiter war, sowie bei den Pimpfen nach dem Motto „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ erzogen.

Als Soldat bei der Wehrmacht 1944 glaubte ich immer noch, dass Adolf Hitler eine Wunderwaffe hätte und wir den Krieg gewinnen würden. In amerikanischer Gefangenschaft wurden wir dann über die Gräueltaten der SS und die Vernichtung der Juden .... belehrt. Aber auch hier war dieses für mich immer noch nicht glaubhaft. Zurück aus der Gefangenschaft wurde ich erst überzeugt von Überlebenden aus dem KZ, dass dieses Grauenhafte tatsächlich passiert sei. ...

Natürlich haben wir in der Familie über den wahnsinnigen Krieg und die Gräueltaten gesprochen. Ich muss aber sagen, dass auf den Dörfern des damaligen Reiches die meisten Bewohner von dem, was an der Front, in Konzentrationslagern und den besetzen Gebieten passierte, nichts wussten. Erich Haldorn, Kassel

Auch mein Vater, Jahrgang 1920, musste als Soldat am Krieg gegen die Sowjetunion teilnehmen. 1990 besuchten er und ich die damalige DDR. Dort begegnete uns auch ein sowjetischer Offizier. Den erschrockenen Blick meines Vaters, als er den Offizier sah, werde ich nie vergessen.

Hat nun die Menschheit aus dem Zweiten Weltkrieg und aus den ungezählten Kriegen davor irgendetwas gelernt? Nein. Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es ungezählte Kriege oder kriegerische Auseinandersetzungen mit vielen Millionen Toten. In sehr vielen Schulen weltweit wird Hass auf andere gelehrt. Hassreden werden von vielen Politikern gehalten. Ich bin stolz auf mein Deutschland, wo das weitgehend nicht der Fall ist."

Friedrich Otto, Gilserberg 

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"Es ist nicht leicht, als 84-jähriger Zeitzeuge über die Wahnsinnsjahre des Zweiten Weltkrieges zu berichten.

Meine Generation ist geprägt von einer verlorenen Kindheit ohne Vater, der als Soldat Hitlers an der Front stand... Es hat lange gedauert, bis wir die Verbrechen des Nazi-Regimes in ihrem ganzen Ausmaß erkannten und begriffen. Leider erwies es sich als Irrglaube, dass die Welt nach diesem entsetzlichen Krieg mit seinen Millionen Opfern friedlicher werden würde.

Als alles vorbei war, begann die Zeit der Aufarbeitung, es folgten Entnazifizierung und Kriegsverbrecherprozesse. ... In meinem Elternhaus wurde nicht darüber gesprochen. Zeit seines Lebens habe ich nie einen Kommentar meines Vaters dazu gehört. Eine Aufarbeitung gab es für meine Generation nicht, wir mussten uns anpassen, wurden verordnete Demokraten."

Horst Buchborn-Klos, Hatzfeld/Eder

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"Vielen Dank für die Artikel über den von Deutschland ausgegangenen Krieg vor 75 Jahren. Ich selbst, Jahrgang 1963, habe natürlich keine Erfahrungen. Meine Eltern, Jahrgang 1932 und 1939, haben ihre Erlebnisse gar nicht oder nur auf starkes Drängen hin erzählt. Sie haben ja alles als Kinder erlebt. Aktuell lese ich von Sabine Bode „Die vergessene Generation“.... Ohne Auseinandersetzung, was die Erlebnisse von damals für unsere jetzige Gesellschaft bedeuten, bleibt alles irgendwie in der Luft hängen."

Pia Thielemann, Kassel 

Unternehmen Barbarossa: Der Überfall auf die UdSSR

„Unternehmen Barbarossa“: Unter dem Code-Namen des Kreuzfahrers und deutschen Kaisers Friedrich I. (um 1122-1190) begann am 22. Juni 1941 der Überfall Hitlers auf die Sowjetunion. Nach schnellen Erfolgen blieb der Angriff im Dezember vor Moskau stecken. Dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust fielen über 50 Millionen Soldaten und Zivilisten zum Opfer, unter ihnen über sechs Millionen in den Vernichtungs- und Konzentrationslagern ermordete Menschen, vor allem Juden. Das Deutsche Reich verlor während des Krieges 3,8 bis 4 Millionen Soldaten und 1,6 Millionen Zivilisten. Die meisten Toten beklagte mit rund 27 Millionen Menschen die Sowjetunion. Relativ zur Bevölkerungszahl hatte jedoch Polen den höchsten Blutzoll entrichtet: Sechs Millionen tote Polen entsprachen etwa 17 Prozent der Vorkriegsbevölkerung.

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