Auf der Spur eines Fotos

Mehr Rost als Fass - 20.000 korrosionsbedrohte Atommülltonnen in allen AKW

Brunsbüttel. Atommüllfässer im AKW Brunsbüttel rosten durch. 18 von 70 Tonnen, die Betreiber Vattenfall jetzt kontrolliert hat, zeigen Korrosionsfraß. Neu ist das nicht: Ein 2011 aus Kellerlagern geholter Stahlbehälter, so zeigt ein Foto der Landesregierung von Schleswig-Holstein, ist von Rost halb weggefressen. Unglaublich - wir haben die Spur des Fotos zurückverfolgt.

? Was steckt genau in den gelben Atommüllfässern? 

! Filterharze, Verdampferkonzentrate, Bauschutt, Folien, Putzlappen und mehr, schwach- und mittelradioaktive Materialien, wie sie im Atomkraftwerk eben anfallen. In den 1960er/70ern, der Frühzeit deutscher Atommeiler, wurde so etwas gern ins alte Bergwerk Asse bei Wolfenbüttel verschickt. Auch in solchen 200-Liter-Fässern aus Stahlblech. Längst taugen die aber nur noch als AKW-interne Mülleimer, raus dürften sie nicht mehr.

? Wieso kommen Fässer, die seit über 30 Jahren im Keller liegen, jetzt plötzlich hoch? 

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Doku der Landesregierung

! Pannen und Reparaturauflagen ließen Brunsbüttel schon seit 2007 stillstehen. 2011, nach dem GAU in Fukushima, erlosch die Betriebsgenehmigung endgültig. Nun geht es Richtung Abriss. Alles muss irgendwann raus - auch alter Strahlenmüll im Keller. Die Fässer da unten wurden offenbar über Jahrzehnte nicht kontrolliert. Beim Umfüllen in Gusseisenbehälter, die eines fernen Tages ins Endlager Schacht Konrad sollen, seien aber einzelne zurückgeholte Behälter begutachtet worden, heißt es bei Vattenfall. Wie viele? In welchen Abständen? Wann genau? Details waren nicht zu erfahren. Aber: Das Öffnen der Kavernen sei immer abzuwägen gegen das Gebot, die Strahlenbelastung fürs Personal so gering wie möglich zu halten.

? Und dieses eine Fass, das keines mehr ist? 

! Brunsbüttel-Betreiber Vattenfall wusste davon schon Ende 2011: Das Fass war rostig geborgen und entleert worden. Das erledigen abgeschirmte Absauganlagen. Hier aber wurde das halbe Fass selbst mit weggesaugt - so dünn war die zerfressene Wand. Aufgeflogen ist die Sache im Januar 2012, als der TÜV die AKW-Akten prüfte.

? Wie geht’s jetzt in Brunsbüttel konkret weiter? 

! Raus müssen die Fässer irgendwann - durchgerostet dürfen sie aber auch mit Robotergreifarmen nicht einfach aus den Lagern hochgeholt werden: Sie könnten dabei zerbrechen. Das droht bei 18 der 70 Fässer, die jetzt mit ferngelenkten Kameras inspiziert wurden. Insgesamt liegen 631 solcher Fässer in sechs mit dicken Betonbarrieren abgeschirmten Kellern. Die sind nur von oben zu öffnen und wegen der hohen Strahlendosis im Inneren für Menschen tabu - man kann die Keller aber sowieso nicht begehen, die Fässer stehen dicht an dicht.

? Die Fässer im Atommüllbergwerk Asse rosten, weil Wasser in die Grube eindringt. Und in Brunsbüttel? 

! Im Wasser steht dort laut Kieler Umweltministerium nichts. Man vermutet Säurekorrosion von innen. Das heißt: Was man außen an Rost sieht, spricht dafür, dass die Fasswand durch ist.

? Ist das nicht extrem gefährlich? 

! Selbst wenn in den Kellern radioaktives Material aus den Fässern quillt, bleibt das vom dicken Beton des Lagers eingeschlossen. Unkontrolliert raus könne nichts, heißt es beim Land. Wenn Fässer um den Atommüll wegrosten, werden Strahlenschützer nicht gleich panisch: „Der Einschluss der radioaktiven Stoffe wird durch die Kaverne gewährleistet, nicht durch die Fässer.“ Strahlenwerte vor dem Meiler seien im Limit.

Hintergrund: Vattenfall plant Bergung im Plastiksack

Bundesweit lagern nach einer Statistik der Uni Hannover 20.000 Stahlblechfässer mit schwach- und mittelradioaktivem Müll in Atommeilern. Was in Brunsbüttel rostet, dürfte in anderen AKW auch rosten.

Und so will Vattenfall ab 2015 die Kavernen leeren: Von oben werden Kunststoffsäcke über die Fässer gezogen. Dann die Behälter anheben und den Sack darunter zusammenziehen. Hoch damit und in endlagertaugliche gusseiserne Container mit 16 Zentimeter dicken Stahlwänden umfüllen.

Mit besonderen Problemen rechnet die Atomaufsicht für zwei der sechs Kavernen. Dort liegen nicht nur stärker strahlende Fässer, sondern auch radioaktiv belasteter Anlagenschrott des AKW.

Von Wolfgang Riek 

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