Kanzlerin durchschaut System

"Mo-ke-er" genießt Respekt in China

+
„Mo-ke-er“, wie Merkel auf Chinesisch genannt wird, gilt in China mit ihren elf Amtsjahren als Überlebenskünstlerin und starke europäische Führungspersönlichkeit.

Peking - Merkel kann vertraut werden: Die Chinesen schätzen sie, weil sie ehrlich und verlässlich ist. Mit ihrer DDR-Erfahrung versteht die Kanzlerin besser als andere, wie das kommunistische System tickt.

Angela Merkel war öfter in China als jeder ihrer westlichen Amtskollegen. Zum neunten Male besucht die Kanzlerin Peking. Chinas Führer kennen sie gut: „Sie wissen, was sie macht und was nicht“, heißt es. „Mo-ke-er“, wie Merkel auf Chinesisch genannt wird, gilt in China mit ihren elf Amtsjahren als Überlebenskünstlerin und starke europäische Führungspersönlichkeit. Chinas Staatsmedien beschreiben sie als „mächtigste Frau der Welt“ oder gar „eiserne Lady“, was einst Margaret Thatcher vorbehalten war.

Unter den Persönlichkeiten, die Chinesen einfallen, wenn sie an Deutschland denken, rangiert Merkel in einer jüngsten Umfrage hinter Adolf Hitler, Karl Marx und Johann Wolfgang von Goethe auf Platz vier. Immerhin kennt sie mit 19 Prozent jeder fünfte Chinese. Dagegen wird Chinas Präsident Xi Jinping nur von zwei Prozent der Deutschen genannt und kommt nur auf Platz zehn - weit hinter dem Revolutionär Mao Tsetung und dem Künstler Ai Weiwei.

Merkel gilt den Chinesen als ehrlich und verlässlich - vereint damit Tugenden, die an den Deutschen besonders geschätzt werden. Anders als mit den Amerikanern pflegen die Chinesen mit den Deutschen auch keine geopolitische Rivalität. Chinas Führer wissen Merkel als wichtige und besonnene Mittlerin in den Krisen in Europa und der Welt zu schätzen.

Lob für Merkel in der Presse

„Eine der intelligentesten Führungspersonen der Welt“, ist im „Renminwang“, dem Online-Dienst der „Volkszeitung“, zu lesen. Merkel sei ruhig, hart arbeitend, reif und mit außerordentlicher politischer Intelligenz und Führungskraft. In Anlehnung an ihren Spitznamen „Mutti“ heißt es: „Eine Mutter, der die Deutschen trauen können.“

Mit ihrer DDR-Vergangenheit versteht Merkel das chinesische Regime auch besser als andere westliche Politiker. „Die Chinesen haben das Gefühl, dass Merkel ganz genau weiß, was hier vorgeht“, sagt eine Regierungsquelle, die enge Kontakte mit der chinesischen Seite pflegte und mehrfach bei ihren Gesprächen mit Chinas Führung dabei war. „Die merken, dass Merkel sie durchschaut.“

Chinas Volk schätze die Kanzlerin für „ihre Geradlinigkeit und ihr bescheidenes Auftreten“, sagt Matthias Stepan vom China-Institut Merics in Berlin. „Ihre Erfahrung mit dem DDR-System gibt ihr einen klaren Vorteil.“ Sie könne den Parteiapparat allerdings nur bis zu einem gewissen Grad verstehen: „Denn die Partei in China hat die SED und deren Regime um Jahrzehnte überlebt.“

Ideologie habe unter Xi Jinping Bedeutung gewonnen. „Die umfassende Disziplinierung des Kaderapparats kennt keine Parallele in der DDR-Geschichte.“ Die Kampagne wirke sich auf Entscheidungsprozesse der Partei aus. „Sie folgen eigenen Regeln und sind selbst für Politprofis wie Merkel undurchschaubar“, sagt Stepan.

Li Keqiang und Merkel: die Chemie stimmt

Mit Regierungschef Li Keqiang versteht sich Merkel genauso gut wie mit dessen Vorgänger Wen Jiabao. Die Chemie stimmt auch hier. Mit einem aufmunternden „Da geht noch was!“ fordert Merkel ihren Amtskollegen in Verhandlungen schon mal lächelnd auf, bei Milliardengeschäften noch etwas drauf zu legen.

Anders als der britische Regierungschef David Cameron biedere sich Merkel in Peking nicht an - oder verspreche nicht wie Frankreichs Präsident Francois Hollande das eine und tue in Europa das andere, sagen EU-Diplomaten. Solche Spielchen verachten die Chinesen. Da erntet die Kanzlerin mehr Respekt, auch wenn sie unbequem sein kann.

Anders als ihre europäischen Kollegen trifft sich Merkel in Peking auch mit Kritikern des Regimes und setzt sich beständig für die Einhaltung der Menschenrechte ein. „Nur ihr Deutschen macht das noch“, ist von entnervten chinesischen Diplomaten zu hören, die in Europa sonst nur noch wenig Kritisches zu hören bekommen.

Aus eigener Erfahrung weiß Merkel, wie schwer das Leben unter einem solchen Regime oder wie lang der Arm der Staatssicherheit sein kann. Fast intuitiv ist ihr auch bewusst, dass die Wände in ihrem Hotel Ohren haben können - und so wählt sie ihre Worte beim abendlichen, vertraulichen Gespräch bewusst vorsichtig. Wie früher in der DDR.

dpa

Schlagworte zu diesem Artikel

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.