Fragen & Antworten

Ditib arbeitet beim islamischen Religionsunterricht mit – Skepsis wächst

Islam in der Schule: Hessen hatte 2013 den islamischen Religionsunterricht eingeführt. Ein Kooperationspartner ist der türkische Moscheeverband Ditib. Foto: dpa

Der Moscheeverband Ditib ist eine wichtige muslimische Organisation in Deutschland. Er arbeitet an Lehrplänen für den Islamunterricht und an Islamverträgen mit. Nun muss er sich gegen den Verdacht wehren, ein Erdogan-Sprachrohr zu sein.

Welche Rolle spielt Ditib beim islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen?

Ditib, mit vollem Namen Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion, ist der größte Moscheeverband in Deutschland. Der Dachorganisation mit Sitz in Köln sind nach eigenen Angaben rund 900 Ortsvereine angeschlossen. Die Ditib-Landesverbände wiederum arbeiten an den Lehrplänen für den Islamunterricht an Schulen mit und erteilten den Lehrkräften die Lehrerlaubnis.

Warum kühlt sich das Verhältnis zwischen Bundesländern und Moschee-Verband offenbar ab?

Ditib wird Staatsnähe zur autokratischen Erdogan-Regierung unterstellt. Landespolitiker möchten den Verband deshalb offenbar auf mehr Distanz halten.

Welche politischen Auswirkungen hat das?

In Rheinland-Pfalz plädieren mehrere Politiker dafür, die Gespräche über einen Islamvertrag und den Religionsunterricht auszusetzen. Und das Kultusministerium Baden-Württembergs wertet angesichts der Turbulenzen in der Türkei Aussagen von Ditib aus. Eine direkte inhaltliche Auswirkung auf den islamischen Religionsunterricht erwartet das Ministerium aber nicht. In Hessen hat die Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter das Land aufgefordert, die Zusammenarbeit mit Ditib beim Religionsunterricht zu überdenken: Der Verband sei strukturell, finanziell und ideologisch von der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet abhängig, sagte sie in einem Gespräch mit der Frankfurter Neuen Presse.

Was ist an diesem Vorwurf dran?

Die Religionsgelehrten der Moscheegemeinden werden von Diyanet bezahlt, sagt Bekir Alboga, Generalsekretär des Dachverbandes Ditib in Köln. Die Moscheen werden hingegen von den Gemeindemitgliedern unterhalten. „Und die Predigt kommt nicht aus Ankara.“ Ditib wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, von Erdogan ferngesteuert zu sein: „Wir sind parteipolitisch neutral“, sagt Alboga. „Behauptungen, die Moscheegemeinden wären ein Sprachrohr einer türkischen Regierung, entmündigen uns als aktiver und gleichberechtigter Mitbürger dieses Landes“, schreibt Emine Oguz, Geschäftsführerin vom Landesverband Niedersachsen-Bremen in einem offenen Brief in der Islamischen Zeitung.

Welche Lehrer geben in hessischen Schulen Islamunterricht?

Alle sind unbefristete Beamte des Landes, die eine Zusatzausbildung absolviert haben. Lehrpläne und Schulbücher seien vom Land festgelegt, erklärt das Ministerium. Gegenwärtig gebe es keinen Einfluss des türkischen Staates auf den Unterricht. Andernfalls werde man umgehend einschreiten und die Zusammenarbeit mit Ditib beenden. In Hessen besuchen rund 2100 Kinder in 46 Grundschulen den islamischen Religionsunterricht. Ditib erteile zwar eine Lehrerlaubnis, weisungsgebunden seien die Beamten aber dem Kultusiministerium, sagte Ditib-Landeskoordinator Selçuk Dogruer. Er wies die Vorwürfe Schröters als falsch und populistisch zurück.

Wie sieht es im Nachbarland Niedersachsen aus?

In vergangenen Schuljahr nahmen rund 3100 Schüler in 62 Schulen am Islamunterricht teil, den es in Niedersachsen seit 2013/14 gibt. Auch hier unterrichten vom Land bezahlte Lehrer nach Lehrplänen, die das Kultusministerium verantwortet. Dieses führt ein Rechtsgutachten des Kölner Kirchenrechtlers Stefan Muckel an: Danach gebe es keine Anhaltspunkte für einen Einfluss ausländischer Staaten auf die Organisation.

Hintergrund

Das Präsidium für Religionsangelegenheiten, Diyanet, ist eine staatliche türkische Einrichtung, die dem Ministerpräsidenten untersteht. Sie beschäftigt mehr als hunderttausend Imame, Korankurslehrer, Muftis und Muezzine und verfügt über ein Budget von über einer Milliarde Euro. Diyanet war 1924 gegründet worden, um den Islam aus dem öffentlichen Bereich herauszuhalten. Unter dem früheren Minister- und heutigen Staatspräsidenten Erdogan betreibt Diyanet aber nach Darstellung von Politikwissenschaftlern zunehmend aktive Religionspolitik.

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