Wer bleibt nach dem Eigentor?

AfD hat nach Gaulands „Nachbarschaftsaffäre“ ein Personalproblem

Parteivize Alexander Gauland

Berlin. Wieviel Rassismus steckt in der AfD? Mit seinen Mutmaßungen über die fiktiven Nachbarn von Jérôme Boateng hat sich deren Parteivize Alexander Gauland selbst beschädigt.

Denn auch wenn er in dem umstrittenen Interview streng genommen kein Urteil über den Bayern-Verteidiger gefällt, sondern nur angebliche Vorurteile „besorgter Bürger“ zum Ausdruck gebracht hat – die „Nachbarschaftsaffäre“ ist in Sachen Öffentlichkeitsarbeit ein Super-Gau. Weil die National-Elf Kult ist. Und der höfliche Nationalspieler aus Berlin beim besten Willen nicht als Beispiel für Integrationsprobleme taugt. Ein akutes Problem hat dagegen im Moment die AfD.

Es sind nicht die Wähler. Von denen haben bei den letzten Landtagswahlen viele ihr Kreuz bei der AfD gemacht. Es sind auch nicht die Medien, in AfD-Kreisen auch gerne „Lügenpresse“ genannt. Nein, das größte Problem der AfD ist zurzeit die Frage, wer die Partei 2017 in den Bundestagswahlkampf führen soll.

Ihr mangelt es an Rückhalt: AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry (40). Fotos: dpa

Denn AfD-Chefin Frauke Petry hat im Vorstand nicht mehr so viel Rückhalt wie früher. Außerdem wird in Sachsen wegen des Verdachts auf Meineid und uneidliche Falschaussage gegen sie ermittelt. Der Co-Vorsitzende Jörg Meuthen hat gerade erst den Vorsitz der Landtagsfraktion in Stuttgart übernommen und will es eigentlich nicht machen. Gauland ist zwar in Brandenburg ebenfalls Fraktionschef und auch schon 75 Jahre alt. Einmal im Bundestag zu sitzen, ist aber vielleicht noch das letzte Karriereziel, das den ehemaligen CDU-Staatssekretär in Hessen noch reizen könnte.

In Vorstandskreisen wurde er zuletzt trotz seines Alters als Ausweichkandidat gehandelt, falls die beiden Vorsitzenden tatsächlich aus dem einen oder anderen Grund nicht zur Verfügung stehen sollten. Von der Basis wäre bei einer Nominierung Gaulands auf jeden Fall wenig Protest zu erwarten. Denn unter den aktiven Mitgliedern der Partei sind viele ältere Männer. Auch zum Rechtsaußen-Flügel um den Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke pflegt der Brandenburger gute Beziehungen.

Seine Baustelle ist Stuttgart: Co-Chef Jörg Meuthen (54).

Ja, das Alter. Gauland, auch bei warmem Wetter meist im Tweed-Sakko unterwegs, hat kürzlich seinen 75. Geburtstag gefeiert. Frauke Petry, im Machtkampft mit Bernd Lucke einst von ihm unterstützt, war nicht unter den Gästen. Sie hat am Sonntag angesichts der Empörung über Gauland auf dessen Erinnerungsvermögen angespielt und sich bei Boateng entschuldigt.

Das könnte man als kollegialen Versuch verstehen, der Kritik die Spitze zu nehmen. Allerdings kam es nicht nur bei Gauland so an, als meine Petry, ihr Vize sei altersbedingt womöglich schon ein wenig zerstreut.

„Zu den Äußerungen von Frau Petry werde ich nicht mehr Stellung nehmen“, sagt Gauland spitz. Ein Adjektiv kann er sich aber doch nicht verkneifen: „Illoyal.“ (dpa)

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