Nachruf auf den ehemaligen Bundespräsidenten

Zum Tode von Walter Scheel: Mit Humor und Würde

Der singende Bundespräsident: Walter Scheel in einem Tonstudio, wo er bereits 1973 das Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“ aufnahm. Foto: dpa

Ex-Bundespräsident Walter Scheel war stets volksnah und leutselig, aber er war auch ein gewiefter Politiker. Ein Nachruf.

Spitzenpolitiker haben oft den Ruf, unnahbar zu sein, abgehoben, weit vom Volk entfernt. Aber es gibt auch den anderen, selteneren Politikertyp. Den, der auf Menschen zugehen kann, leutselig und humvorvoll ist, dabei aber nie seine Würde verliert. Damit untrennbar verbunden ist der Name eines der Großen unserer Nation: Walter Scheel. Der frühere Bundespräsident ist im Alter von 97 Jahren in Bad Krozingen bei Freiburg gestorben.

Es war die große Zeit der Zusammenarbeit von Sozialdemokraten und Freidemokraten, als Scheel, einer der Architekten dieser Koalition, am 1. Juli 1974 das Amt des Bundespräsidenten übernahm, das er bis 1979 innehatte. Er, der Liberale, war bis dahin Außenminister unter dem sozialdemokratischen Kanzler Willy Brandt. In diese Jahre fiel mit den Ostverträgen einer der größten politischen Erfolge der Koalition. Scheels Partei, die FDP, war im Aufwind, die Vision des Präsidenten war ein Deutschland, das in Frieden mit seinen Nachbarn und der Welt leben konnte. Annäherung hieß sein Ziel.

Mit dem damals 54-Jährigen zog ein anderer Präsidententyp in die Villa Hammerschmidt, den Sitz des Präsidenten in Bonn. Mit ihm wohnten erstmals Kinder im Palais. Eine seiner ersten Amtshandlungen ließ die Nation jubeln: Am 7. Juli 1974 überreichte er in München dem Kapitän der Nationalmannschaft, Franz Beckenbauer, den Weltmeisterpokal.

Scheel hielt es für seine Schuldigkeit, stets gut gelaunt aufzutreten - er nannte das einmal eine Pflicht aller Repräsentanten einer Demokratie. Als er in einer Fernsehshow das Volkslied „Hoch auf dem gelben Wagen“ schmetterte, hatte er seinen Titel inne: Der singende Bundespräsident. Das war keine Marketingaktion, sondern Ausdruck ehrlicher Fröhlichkeit. Mit zwei Männergesangvereinen hatte er das Lied zugunsten der Aktion Sorgenkind auch auf Schallplatte aufgenommen.

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Oft wurde Scheel - gelernter Bankkaufmann und Wirtschaftsberater - wegen seiner Fröhlichkeit als Rheinländer bezeichnet, der er aber nicht war: Er kam in Solingen im Bergischen Land als Sohn eines Stellmachers zur Welt.

Seine Heiterkeit verdeckte meist die andere Seite Scheels. Die des gewieften, knallharten Politikers. Er galt als kühler Praktiker der Macht, trieb in seiner Ministerzeit Konfrontationen auch mal auf die Spitze.

Einen schweren Schicksalsschlag musste Scheel im Jahr 1985 hinnehmen. Seine zweite Frau Mildred, bundesweit bekannt als Gründerin und Präsidentin der Deutschen Krebshilfe, starb an Krebs.

In den letzten Jahren zeigte er sich nur noch selten in der Öffentlichkeit, zum Schluss wohnte er, an Demenz leidend, im Pflegeheim. Mit Scheel starb ein Politiker, der mit Gelassenheit und Weisheit über den Dingen stehen wollte. Meist ist es ihm gelungen.

Lebensdaten:

• Walter Scheel wurde am 8. Juli 1919 in Solingen geboren. Nach dem Abitur am Solinger Gymnasium absolvierte er von 1938 bis 1939 eine Banklehre bei der Volksbank Solingen.

• Ab 3. September 1939 leistete er Kriegsdienst, bei Kriegsende war er Oberleutnant.

• 1946 trat er in die FDP ein. Er war fast 25 Jahre lang Abgeordneter des Bundestages.

• Von 1961 bis 1966 war er Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit im Kabinett von Kanzler Konrad Adenauer.

• Von 1969 bis 1974 war er Außenminister unter Kanzler Willy Brandt (SPD) und Vizekanzler. Nach dem Rücktritt Brandts am 7. Mai 1974 führte er die Regierungsgeschäfte, bis am 16. Mai Helmut Schmidt zum Kanzler gewählt wurde.

• Von 1. Juli 1974 bis 30. Juni 1979 war Scheel Bundespräsident. Eine Kandidatur für eine zweite Amtszeit lehnte er ab, weil SPD und FDP in der Bundesversammlung keine Mehrheit hatten.

• Bis zum Jahr 2014 hatte Scheel ein Büro im Rathaus seiner Heimatstadt Bad Krozingen.

• Nach mehrjähriger Demenz starb Scheel am Mittwoch.

Drei Ehen, zwei Mal verwitwet

Walter Scheel war drei Mal verheiratet und zweifacher Witwer. Seine erste Frau Eva Charlotte starb 1966 nach 24 Jahren Ehe im Alter von 45 Jahren. Aus dieser Verbindung ging Sohn Ulrich hervor.

Ein Jahr nach Evas Tod lernte der Witwer die Ärztin Mildred kennen, eine alleinerziehende Mutter. Das Paar heiratete 1968. Mit Walter und Mildred Scheel zog 1974 die erste Patchworkfamilie in den Amtssitz des Bundespräsidenten, damals die Villa Hammerschmidt in Bonn. Die lebhafte Mildred (1932-1985) hatte ihre Tochter Cornelia mit in die Ehe gebracht, hinzu war 1970 die gemeinsame Tochter Andrea-Gwendoline gekommen und 1971 der aus Bolivien adopierte Sohn Simon-Martin.

Drei Jahre nach Mildreds Tod heiratete Scheel 1988 seine dritte Frau Barbara. Das Paar wohnte in Berlin, ab 2009 in Bad Krozingen. Seit 2012 lebte Walter Scheel in einem Pflegeheim.

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