Rezension von "Wunschdenken"

Neues Sarrazin-Buch: Abrechnung mit Politik und Politikern

+
Thilo Sarrazin

Als langjähriger Spitzenbeamter hat Thilo Sarrazin tiefe Einblicke in den Maschinenraum der Bundesrepublik gehabt. Umso mehr nervt er das politische Establishment in Deutschland, weil er sich mehr für das schlecht Gemachte als für das gut Gemeinte interessiert.

So ist es auch wieder in seinem neuen Buch „Wunschdenken“, das am Montag erscheint. Damit meint Sarrazin jenen Überschuss an utopischem Drang, den er ursächlich für schlimmste politische Fehlentwicklungen hält.

Kurzum: Die deutsche Politik „... vernachlässigt ihre Führungsaufgabe. (...) Sie richtet sich entweder opportunistisch an ideologischen Positionen und dem kurzfristigen Beifall der Idealisten in den Medien aus - dafür steht Sigmar Gabriel -, oder sie verfolgt eine Agenda, die sich von den konkreten Interessen der heute in Deutschland lebenden Bürger völlig emanzipiert hat - dafür steht Angela Merkel.“

Beginnend bei den großen Utopien von Platon und Augustinus, Thomas Morus und Karl Marx, über kommunistische Diktaturen und real existierende Gottesstaaten landet Sarrazin bei seinem Thema: der Kritik an den von ihm so genannten Gleichheitsideologien.

Sie gefährden dem Autor zufolge die Freiheit. Weit holt der Autor aus, um dies zu belegen - von den Christenverfolgungen in islamischen Staaten über die gescheiterten Subsahara-Staaten; in scharfem Kontrast dazu sieht er die Erfolgsgeschichten ostasiatischer Staaten wie Südkorea, Singapur und Taiwan.

Utopische Ignoranz stand laut Sarrazin Pate bei der Öffnung der deutschen Grenzen für eine unkontrollierte Einwanderung aus rückständigen islamischen Gesellschaften. Der Autor warnt in diesem Zusammenhang vor äußerst gravierenden Folgen für Deutschland.

Utopische Ignoranz prägt demnach auch die europäische Währungsunion, die an ihren inneren Widersprüchen zu scheitern droht. Das tut laut Sarrazin auch die deutsche Klimapolitik. Hier wirkt die Abkehr von der Atomenergie dem erklärten Ziel einer Senkung der Treibhausemissionen scharf entgegen.

Oder die Bildungspolitik: Warum ist das deutsche Abitur heute keine Garantie mehr für ein hohes Bildungsniveau? Weil sich nach Sarrazin auch an den deutschen Schulen Gleichheitsideologen durchgesetzt haben. Mittlerweile macht zwar fast die Hälfte der Schüler Abitur. Aber nicht, so Sarrazin unter Verweis auf internationale Vergleichstests, weil die Schüler besser geworden sind, sondern weil das Abitur schlechter geworden ist. Folglich verstopften ungeeignete Studenten die Hörsäle, dem Handwerk fehle der Nachwuchs.

Leicht zu lesen ist das alles nicht. Tabellen und Statistiken hemmen den Lesefluss, allgemeine Betrachtungen („Wie ich die Weltlage sehe“) ermüden. Politische Fallstudien subsumiert Sarrazin wieder und wieder unter Unwissenheit, Anmaßung, Bedenkenlosigkeit, Egoismus, Betrug und Selbstbetrug.

Die meisten seiner kritischen Betrachtungen, so zur Familien- und Einwanderungspolitik, zu Entwicklungshilfe und Europapolitik erscheinen plausibel, zumal er nicht mit Namen und Hintergründen spart, zum Beispiel in Berlin. Doch auch hier wäre die Konzentration auf weniger unter dem Strich wohl mehr gewesen.

Nach 405 Seiten schließt sich ein üppiger Anhang an, der sich leider als unsortierter Zettelkasten voller „Wollte-ich-auch-noch-sagen“ entpuppt. Das ist nicht uninteressant, wirkt aber, mit Verlaub, wie eine Pizza zum Nachtisch, für deren Zustandekommen der Koch nochmal schnell die Küche ausgefegt hat. Eine Unhöflichkeit, mindestens.

• Thilo Sarrazin: Wunschdenken. Europa, Währung, Bildung, Einwanderung - warum Politik so häufig scheitert. DVA, 571 Seiten, 24,99 Euro.

Offene Gesellschaften: „Wer bestimmte kulturelle und religiöse Einstellungen als mit dem Geist einer offenen Gesellschaft nicht vereinbar ansieht, sollte entsprechende Wanderungsbewegungen aus einer geschlossenen in eine offene Gesellschaft sorgfältig regulieren und notfalls unterbinden, sonst verbreiten sich falsche und gegen die offene Gesellschaft gerichtete Einstellungen genauso schnell wie die Kopftücher auf den Schulhöfen von Neukölln oder Wedding.“ (S.110)

Maximen politischer Verantwortung: „Schau, wen du ins Land lässt. Bilde gut aus. Belohne Fleiß, bestrafe Faulheit. Belohne die richtige Sorge für den Nachwuchs. Übe Barmherzigkeit, aber mit Maß und Ziel. Handle als Diener deines Volkes. Überfordere die Demokratie nicht. Sorge für gute Beamte. Gestalte den Staat so einfach, dass (möglichst) alle ihn verstehen können. Mache möglichst viel dezentral.“ (S. 187)

Ethik: „Das Drama um die Flüchtlinge offenbart den Gegensatz zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik schonungslos: (...) Das gesinnungsethische Vorgehen verschärft das Problem, das es doch lösen soll. Je mehr Flüchtlinge aus Afrika und Vorderasien Europa erreichen, umso mehr werden sich in ihren Heimatländern auf den Weg machen. Bei den Verhältnissen dort kann ihnen das keiner verdenken. An diesen Verhältnissen kann Europa wenig ändern. Weder die Entwicklungshilfe noch die verschiedenen militärischen Interventionen waren von Erfolg gekrönt. (…) Die verantwortungsethische Lösung wäre, niemanden mehr einreisen zu lassen, der nicht alle Prozeduren der Ordnungsmäßigkeit einhält.“ (S. 218)

Energiewende: „Die Politik hat es in der Frage der Kernenergie mehrheitlich vorgezogen, die Gefühle der Öffentlichkeit zu bedienen, anstatt aufklärend zu wirken. (…) Der Tsunami (Frühjahr 2011 in Japan) hinterließ 20 000 Tote und Verletzte, daneben gab es konventionelle Unfälle bei den Rettungsarbeiten am Kraftwerk. (…) Kein einziges Strahlungsopfer der Fukushima-Katastrophe konnte bisher nachgewiesen werden. Dagegen starben in Deutschland allein 2013 an der für Bergarbeiter typischen Berufskrankheit Silikose 320 Menschen.“ (S. 341)

Asyl und Einwanderung: „80 Prozent der Erdbewohner kommen aus … Ländern, deren Zustände für ein Gericht in Europa einen Asylgrund liefern könnten (...). In jedem Fall gilt dies für den größten Teil Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens. So war das Asylrecht aber nicht gemeint. Es sollte deshalb beschränkt werden auf jene, die nachweislich wegen ihrer aktiven politischen Tätigkeit verfolgt und bedroht werden. Grundsätzlich darf die Asylpolitik nicht mit der Einwanderungspolitik vermischt werden. Wenn ein Land glaubt, dass es Einwanderung braucht, so soll es die am besten geeigneten Kandidaten dort einwerben, wo ihm dies zweckmäßig erscheint.“ (S. 365)

Volksentscheide: „Es hätte viele Vorteile, wenn über wirklich grundlegende Fragen auf allen staatlichen Ebenen Volksentscheide möglich wären. (...) Weder der Maastricht-Vertrag noch der Lissabon-Vertrag hätten in Deutschland bei einer Volksabstimmung eine Mehrheit bekommen, und auch nicht die bedingungslose Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge und illegale Einwanderer.“ (S. 500)

Zur Person

Der heute 71-jährige Thilo Sarrazin wurde 1945 in Gera geboren. Der promovierte Volkswirt und Sozialdemokrat machte im Bundesfinanzministerium Karriere, wo ihn Finanzminister Theodor Waigel 1989 neben dem Staatssekretär und späteren Bundespräsidenten Horst Köhler zum Federführer der innerdeutschen Währungsunion machte. Sarrazin war Finanzstaatssekretär in Rheinland-Pfalz, Chef der Treuhand, im Vorstand der Deutschen Bahn, setzte als Finanzsenator in Berlin ( 2002-09) hohe Einsparungen durch und schied 2010 als Bundesbank-Vorstand nach heftigem politischen Streit aus dem Amt. Gleichzeitig legte sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ den Grundstein für eine erfolgreiche Autoren-Karriere des verheirateten Vaters zweier Söhne. Sarrazin, dessen rechte Gesichtshälfte seit einer Operation gelähmt ist, lebt in Berlin. www.thilo-sarrazin.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.