Männerrolle wurde kompliziert

Vom Patriarchen zum Kumpel: Warum das Vatersein so schwer geworden ist

Väter feiern sich: Viele Männer nutzen den Himmelfahrtstag, um mit dem Bollerwagen durch die Felder zu ziehen. Foto: dpa

Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr – das wusste schon Wilhelm Busch. Doch warum ist es nicht einfacher geworden, sondern komplizierter? Eine Spurensuche.

So zeitlos dieses Zitat von Wilhelm Busch auch ist, die Ansprüche an Väter haben sich in den vergangenen Jahrhunderten drastisch gewandelt. Ein Überblick.

Autorität

Bis ins 18. Jahrhundert ist der Vater hierzulande vor allem eines: die knallharte Autoritätsperson. Typischerweise ist er fünf Jahre älter als seine Frau, die sich ihm völlig unterwirft. Die Vater-Sohn-Beziehung ist zu dieser Zeit ohnehin wichtiger als die Ehe. Familien werden streng patriarchalisch geführt. Der Vater verwaltet den Besitz und trifft alle wichtigen Entscheidungen, beispielsweise auch, wen seine Kinder heiraten und welchen Beruf sie ausüben.

Ernährer

Mit der industriellen Revolution Anfang des 19. Jahrhunderts zieht es viele Menschen in die Städte, um dort zu arbeiten. Dem Vater fällt immer stärker die Rolle des Ernährers zu, weil er den Großteil des Tages am Arbeitsplatz verbringt. Um Kinder und Haushalt kümmert sich die Mutter. Die Bedeutung des Vaters beschränkt sich damit allerdings auch zunehmend aufs Geldverdienen.

Oberhaupt

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden erstmals öffentliche Debatten über die Rolle des Vaters geführt. Nach einer Scheidung erhält nun die Mutter das Sorgerecht – nicht mehr der Vater. Wer Frau und Kinder misshandelt, wird be-straft. Das neue Familienideal sieht vor, dass der Vater als Oberhaupt die Entwicklung seiner Kinder mit gemeinsamen Freizeitaktivitäten fördern soll. Grund war die Befürchtung, dass insbesondere Söhne durch die sonst weiblich dominierte Erziehung verweichlichen könnten.

Beschützer

Nach dem Ersten Weltkrieg kehrt man wieder zu einem Idealbild des Vaters als Beschützer, Ernährer und moralische Instanz der Familie zurück. Durch die wirtschaftliche Depression ab 1929 ändern sich jedoch die familiären Rollen schlagartig. Arbeitslose Männer verlieren ihren Status als Entscheidungsträger und damit ihr Selbstbewusstsein. Manche wenden sich von der Familie ab, trinken Alkohol und neigen zu Gewalt. Im Zweiten Weltkrieg müssen sie an die Front, viele kommen nicht zurück.

Kamerad

Erst in den 1950er-Jahren erlangt der Vater seine volle Autorität zurück und wird wieder Disziplinierungsperson seiner Kinder. Gleichzeitig entwickelt er sich aber auch zu einer Art Kamerad. Erziehungsexperten fordern Väter auf, ihre Söhne mit zum Sport zu nehmen, aber auf keinen Fall Windeln zu wechseln oder gar im Haushalt zu helfen. Die emotionale Bezugsperson der Kinder ist die Mutter. Ihre elterlichen Kompetenzen werden höher eingeschätzt als die des Vaters.

Familienmitglied

Nach der Adenauer-Ära wird die Vaterrolle politisch und wissenschaftlich teils heftig diskutiert. Frauen und Männer begehren gegen die ihnen auferlegten familiären Rollen auf. Weil die Scheidungsraten steigen, bilden sich Väterrechtsbewegungen, um Ansprüche der Väter auf Sorgerecht einzufordern. Die feministische Revolution in den 1970er-Jahren ordnet schließlich viele Bereiche der Gesellschaft neu. Frauen verdienen inzwischen selbst Geld, Väter werden zu normalen Familienmitgliedern.

Versteher

Je mehr sich die Gesellschaft für individuelle Lebensentwürfe öffnet, desto vielfältiger wird auch das Bild des modernen Vaters. Eine Studie des Bundesfamilienministeriums kommt zu dem Schluss, dass Väter heute in der Erziehung ihrer Kinder wesentlich verständnisvoller, engagierter und fürsorglicher sind als früher. Aber: Sie fühlen sich vom Anspruch, möglichst viel Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und gleichzeitig möglichst erfolgreich im Beruf zu sein, zunehmend überfordert.

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