„Letztlich ein regionaler Konflikt“

Politologe: Kalter Krieg ist ein falscher Vergleich beim Ukraine-Konflikt

Von Russland unterstützt: Bewaffnete Separatisten der selbst ernannten Donezker Volksrepublik.

Nato-Generalsekretär Stoltenberg warnt Moskau, seine Machtsphäre in Europa auszuweiten, Außenminister Steinmeier warnt den Westen vor Säbelrasseln und Kriegsgeheul. Steht die Welt vor einem neuen Kalten Krieg? Fragen an den Politikwissenschaftler Bernd Greiner.

Wenn heute auf die russische Aggression gegen die Ost-Ukraine oder das große Nato-Manöver Anakonda in Polen geschaut wird, dann wird oft der Begriff vom drohenden oder neuen Kalten Krieg verwendet. Ist das angemessen?

Prof. Dr. Bernd Greiner: Nein. Das ist eine vorschnelle Parallelisierung der Vergangenheit und der Gegenwart. Und eine gewisse Gedankenfaulheit, weil man sich nicht der Anstrengung unterzieht, genau zu analysieren, wie die Konfliktlage heute ist.

Worum handelt es sich denn heute beim Dissens mit Moskau?

Greiner: Was wir seit mehreren Jahren erleben, ist eine neue Zuspitzung des Ost-West-Konfliktes. Der aber war immer nur ein Teil des weltumspannenden Kalten Krieges. Ohne die Probleme mit Moskau herunterreden zu wollen: Es ist letztlich ein regionaler Konflikt in Europa.

Wie würden Sie dagegen den Kalten Krieg definieren?

Greiner: Wenn wir über den Kalten Krieg reden, dann meinen wir eine Phase der extremen Zuspitzung zwischen den beiden Weltmächten USA und UdSSR sowie ihren jeweiligen Verbündeten in den Jahren 1947 bis 1990. Dieser Konflikt wurde bis in den letzten Winkel der Welt ausgetragen, er führte auf der südlichen Globushälfte zu 150 bewaffneten Konflikten mit 22 Millionen Toten, davon drei Millionen in Korea und dreieinhalb Millionen in Vietnam. Von solchen Weiterungen ist der gegenwärtige Konflikt mit Russland glücklicherweise meilenweit entfernt.

Wer sich an die Zeit des Kalten Krieges noch erinnern kann, könnte sagen: In Europa hatten wir trotz Hochrüstung Ruhe, es gab wirtschaftlichen Fortschritt, und die Dritte Welt war sehr weit weg. Ist das so verkehrt?

Greiner: Das kann man so sagen. Der Kalte Krieg war im Grunde genommen ein zweigeteilter: Auf der südlichen Halbkugel kam es zu den genannten Kriegen mit den 22 Millionen Toten.

Auf der nördlichen Halbkugel blieben uns militärische Auseinandersetzungen erspart, auch wenn Konfrontation leicht zu militärischer Eskalation hätte führen können: Die Krisen um Berlin in den Jahren zwischen 1958 und 1961 waren solche Fälle. Oder auch der Jom-Kippur-Krieg im Nahen Osten 1983, als die USA ihre nuklearen Streitkräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzten, um die Russen zu beeindrucken. Es kam allerdings nie zum Äußersten.

Warum kam es nie zur ganz großen Konfrontation auf der nördlichen Halbkugel?

Greiner: In der Sprache jener Jahre hieß es: Wer als Erster schießt, stirbt als Zweiter. Die atomare Abschreckung hat funktioniert. Es setzte sich bei den meisten Regierenden die Einsicht durch, dass Atomkriege im klassischen Sinn nicht gewonnen werden konnten. Allerdings kam manchmal auch schlicht Glück hinzu.

Zum Beispiel?

Greiner: Während der Kuba-Krise 1962 trat der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow letztlich auf die Notbremse, sodass ein Atomkrieg doch noch verhindert wurde. Auch am Checkpoint Charlie in Berlin hätte es bei der Konfrontation amerikanischer und sowjetischer Panzer durch unbedachte Reaktionen zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommen können.

Der Kalte Krieg hat jahrzehntelang das Denken der Politik beschäftigt. Hat er Spuren hinterlassen?

Greiner: Auf jeden Fall. Bestimmte Denkmuster des Kalten Krieges sind nach wie vor virulent, insbesondere in den politischen Klassen Russlands und der USA. Weite Teile der politischen Eliten der USA haben auf die Anschläge von 9/11 oder die Herausforderung durch islamistischen Terror in Denkmustern des Kalten Krieges reagiert: Gut gegen Böse, Wir gegen Die, und vor allem Dingen die Neigung, solche Konflikte nur mit militärischen Mitteln auszutragen.

Eine zweite Hinterlassenschaft ist die Tatsache, dass die führenden Mächte auf diesem Globus trotz aller Appelle für eine atomwaffenfreie Welt nach wie vor an ihren atomaren Abschreckungspotentialen festhalten. Auch das ist eine Erbschaft des Kalten Krieges.

Gibt es gar keine positiven Spuren?

Greiner: Doch, auch die gibt es. Ab den späten 60er-Jahren ließ zumindest im Westen die Definitionsmacht der Regierenden nach. Es entstanden Absetzbewegungen vom Denken in den Kategorien des Kalten Krieges, es entstanden außerparlamentarische Bewegungen gegen die atomare Aufrüstung, es traten neue Experten auf den Plan, die eine ganz andere Form der Sicherheitspolitik zu ihrer Sache machten.

Können wir mit Blick auf die Bewältigung heutiger Probleme etwas aus dem Kalten Krieg lernen?

Bernd Greiner

Greiner: Sehr viel sogar, wenn es um Mittel und Methoden der Konflikteindämmung geht. Dabei meine ich in erster Linie gar nicht nur die Verträge mit Moskau und Warschau sowie zwischen beiden deutschen Staaten während der Phase der Entspannungspolitik Anfang der 70er-Jahre. Wichtiger war die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE), die ein auf Dauerbetrieb gestelltes Gesprächsforum gewesen ist. Ganze Generationen von Diplomaten und Politikern haben sich hier persönlich kennengelernt und Vertrauen aufgebaut. Das war entscheidend dafür, dass die politische Lage nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan und der Verhängung des Kriegsrechts in Polen nicht völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Hier kommt auch der deutschen Außenpolitik mit Minister Hans-Dietrich Genscher ein großes Verdienst zu, der immer gesagt hat: Wir müssen jetzt erst recht weitersprechen und verhandeln. Das war im Westen, vor allem in den USA, nicht unumstritten.

Was bedeutet das für heute?

Greiner: Vertrauen ist die wichtigste Währung in den internationalen Beziehungen. Deshalb ist die Nachfolge-Organisation der KSZE, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), ebenso wie der Nato-Russland-Rat ein wichtiges Forum, um die verfahrene Situation mit Russland nicht eskalieren zu lassen.

Zur Person: Bernd Greiner (63), in Pirmasens geboren, studierte Geschichte, Politikwissenschaft und Anglistik/Amerikanistik in Marburg/Lahn und Frankfurt. Seit 1989 arbeitet er am Hamburger Institut für Sozialforschung, seit März 2015 leitet Greiner das Berliner Kolleg Kalter Krieg. 

Hintergrund: Ausstellung „Der Kalte Krieg“ in der Kasseler Herderschule

„Der Kalte Krieg. Ursachen - Geschichte - Folgen“: Eine Ausstellung mit diesem Titel ist derzeit im Foyer der Kasseler Herderschule zu sehen. Konzipiert hat die Schau mit 160 zeithistorischen Fotos, Dokumenten und Schaubildern das Berliner Kolleg Kalter Krieg, dessen Leiter der Politikwissenschaftler, Historiker und Amerikanist Bernd Greiner ist, sowie die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur.

Vor dem Hintergrund angespannter Ost-West-Beziehungen und der Debatte über eine mögliche Wiederkehr des Kalten Krieges blickt die Ausstellung auf die Jahre zwischen 1945 und 1991 - vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur Auflösung der Sowjetunion. Sie arbeitet die weltanschaulichen, politischen, militärischen und wirtschaftlichen Ursachen des Kalten Krieges in globaler Perspektive heraus.

Die Schau bietet zugleich Anknüpfungspunkte, sich mit aktuellen internationalen Konflikten oder auch mit den Spätfolgen des Kalten Krieges in der Dritten Welt zu befassen, mit denen Europa heute konfrontiert ist.

• Die Ausstellung ist zu sehen werktags bis zum 8. Juli von 8 bis 15 Uhr im Foyer der Herderschule, Maulbeerplantage 1, in Kassel.

• Prof. Bernd Greiner wird am Mittwoch, 22. Juni, um 14 Uhr in der Herderschule einen Vortrag halten zum Thema „Europa vor einem neuen Kalten Krieg? Historische Erfahrungen und aktuelle Situation“.

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