Polizeigewerkschaft will Assistenzsysteme auch für alte Lkw

Dicht an dicht: Auf stark befahrenen Autobahnen – wie hier die A7 bei Kassel – halten Lkw oft wenig Abstand. Assistenzsysteme können durch schnellen Eingriff Unfälle verhindern. Foto: Malmus

Kassel/Göttingen. Nach den schweren Lkw-Unfällen mit mehreren Toten haben Polizisten die Politik aufgefordert, den Einbau von intelligenten Assistenzsystemen in Lastwagen mit finanziellen Anreizen zu beschleunigen.

Nach ihrer festen Überzeugung könnten insbesondere Notbremssysteme und Müdigkeitserkennung in den Fahrzeugen helfen, Menschenleben zu retten, stellt die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) dazu fest. Deswegen sollten Spediteure, die ältere Lastwagen mit dieser Technik nachrüsten lassen, zeitweise von der Maut befreit werden.

Bei zwei ähnlich gelagerten Unfällen innerhalb von wenigen Tagen waren in diesem Monat in Deutschland insgesamt sieben Menschen gestorben. Auf der Autobahn 7 bei Guxhagen (Schwalm-Eder-Kreis) war am 12. Juli eine dreiköpfige Familie in einem Wohnmobil ums Leben gekommen, das an einem Stauende von einem Lastwagen gegen die Mittelleitplanke geschleudert worden war. Am 19. Juli starb auf der A 1 bei Hamburg eine vierköpfige Familie in einem Auto, das ebenfalls an einem Stauende von einem Lastwagen auf das davor stehende Fahrzeug geschoben worden war.

Bei solchen Unfällen an Stauenden hätten die Insassen von Pkw kaum eine Überlebenschance, heißt es in der Mitteilung der DPolG. Die Bergungsarbeiten dauerten oft Stunden; abgesehen von den tragischen Folgen für die Insassen gehe der volkswirtschaftliche Schaden durch diese Unfälle jedes Jahr in die Millionen. Die Initiative des niedersächsischen Wirtschaftsministers Olaf Lies (SPD), über die Maut Anreize für Nachrüstungen der Lastwagen zu schaffen, sei deswegen prinzipiell richtig. Allerdings sei es besser, mit Mautbefreiungen zu werben statt mit -erhöhungen zu drohen. Laut DPolG kostet die Nachrüstung eines Lkw mit intelligenten Assistenzsystemen rund 2000 Euro.

In Bremsassistenten sehen auch der ADAC und Gewerkschaftsvertreter eine sinnvolle Unterstützung. Bei den Unfällen spiele oft Übermüdung eine Rolle, sagte ein Sprecher der Gewerkschaft Ver.di, Fachbereich Postdienste, Speditionen und Logistik. Deswegen müssten die Lenkzeiten der Fahrer rigoroser kontrolliert und neue Techniken genutzt werden.

Die maximal erlaubte Lenkzeit betrage 55 Stunden pro Woche - dies bedeute, dass ein Fahrer immer noch bis zu zehn Stunden am Tag am Lenkrad sitze. Zudem sei der Bremsweg eines Lastwagens deutlich länger als bei einem Pkw. „Unfälle kann man nie ganz ausschließen, aber man sie minimieren“, sagt der Sprecher.

Seit diesem Jahr müssen nach einer EU-Richtlinie neue Lastwagen über 7,5 Tonnen europaweit mit Fahrassistenzsystemen ausgestattet sein, die Unregelmäßigkeiten beim Lenken und sich rasch nähernde Hindernisse erkennen und Bremsungen einleiten können. Da die Richtlinie neu sei, gebe es noch keine Erkenntnisse, wie sich die Technik auf Unfallzahlen und -abläufe auswirke, hieß es beim ADAC.

Tatsächlich ist die Zahl der Unfälle, die vom Fahrer eines Lkw über 7,5 Tonnen oder eines Sattelschleppers verursacht wurden, in den vergangenen 25 Jahren gesunken. Nach einer Statistik des ADAC ereigneten sich im Jahr 1991 insgesamt 13.115 solcher Unfälle, im Jahr 2015 waren es 8502. Das Verkehrsaufkommen dieser Fahrzeuge ist im selben Zeitraum aber um 20 Prozent gestiegen.

Das können die Systeme:

Sichereres Fahren wird durch eine Kombination verschiedener Systeme ermöglicht, die sich zum Teil ergänzen.Wir stellen die wichtigsten vor.

Notbremsassistent 

Der Notbremsassistent warnt den Fahrer zunächst vor kritischen Situationen wie Staus oder Hindernissen. Diese werden durch Sensoren (Laser, Radar oder Kamera) erkannt. Reagiert der Fahrer nicht, wird je nach Modell eine automatische Notbremsung eingeleitet. In der Anfangsphase der Systeme konnte es passieren, dass auch ohne kritische Verkehrslage gebremst wurde, was Auffahrunfälle auslösen konnte. Ein passiver Notbremsassistent berechnet, wie stark ein Fahrzeug abgebremst werden muss, damit eine Kollision vermieden werden kann. Bremst der Fahrer nicht ausreichend stark, erhöht der Assistent den Bremsdruck rasch auf das erforderliche Maß.

Abstandsregler 

Bei schweren Lkw ist der Notbremsassistent häufig mit einem Abstandsregeltempomat kombiniert. Diese gibt es in Lastwagen häufiger als in Personenwagen. Das Adaptive Cruise Control (ACC) genannte System arbeitet mit Sensoren, die erkennen, wie groß der Abstand zum Vordermann ist. Das ACC bremst im Gefahrenfall selbstständig. Es gibt auch Modelle, die per Kamera eine Gefahrensituation zwar erkennen, aber nicht selbst eingreifen, sondern den Fahrer mit optisch oder akustisch warnen.

Spurhalteassistent 

Ignoriert ein Fahrer beginnende Müdigkeit, kann er plötzlich in einen Sekundenschlaf oder Mikroschlaf (Microsleep) fallen. Dieser dauert zwischen einer und fünf Sekunden. Er kann auch auftreten, wenn die korrekten Lenkzeiten eingehalten werden, weil das Fahren auf der Autobahn oft eintönig und ermüdend ist. Droht ein Lkw unbeabsichtigt die Fahrspur zu verlassen, gibt der Spurhalteassistent einen akustischen Alarm aus. Ausgereifte Systeme leiten automatisch eine Lenkkorrektur ein. Der Spurwechselassistent greift dann ein, wenn beim Wechseln der Fahrspuren eine Mindestdistanz zu anderen Fahrzeugen unterschritten wird. (kle)

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