Psychologen aus Nordhessen sehen Schwächen bei Flüchtlingsbetreuung

Bei Einsamkeit droht Radikalisierung

Wenn es Probleme gibt: Psychologen schlagen den Aufbau von Zentren vor, in die Flüchtlinge gehen, die Hilfe brauchen. Foto: dpa

Kassel/Wiesbaden. Bei Einsamkeit steigt die Gefahr der Radikalisierung, sagt Psychologe Eckhardt Brockhaus aus Kassel. Weitere Psychologen aus Nordhessen sehen die Sozialarbeiter mit der Betreuung überfordert.

Der Attentäter von Ansbach war nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks mehrfach in psychologischer Behandlung, teils auch stationär. Später wurde die Therapie ausgesetzt, weil unklar war, ob die Kosten übernommen werden. „Der Fall in Ansbach macht mir Sorgen“, sagt Eckhardt Brockhaus, Psychologe aus Kassel.

Er gehört dem „Arbeitskreis Flüchtlinge“ vom Alexander-Mitscherlich-Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie in Kassel an. Dieser kümmert sich in nordhessischen Erstaufnahmen ehrenamtlich um die psychischen Probleme von Flüchtlingen. Die Ehrenamtler hatten bereits vor Monaten davor gewarnt, die kleinen Flüchtlingseinrichtungen zugunsten großer Lager zu schließen. Sozialarbeiter hätten dort weniger engen Kontakt aufgrund der Masse der Menschen - psychische Störungen könnten nicht erkannt werden.

Brockhaus und seine Kollegen schlagen auch deshalb den Aufbau von psychosozialen Zentren vor, in die Flüchtlinge kommen können, die in Erstaufnahmen leben, aber auch solche, die bereits auf Kommunen verteilt wurden. Denn gerade die letztere Gruppe sei nach dem Verlassen der Erstaufnahmen vielfach auf sich allein gestellt und nur noch wenig in Kontakt mit Sozialarbeitern. Derzeit gibt es laut des Arbeitskreises kein einheitliches Betreuungskonzept in Hessen.

Der Kasseler Psychologe Brockhaus sieht darin ein Problem: Denn gerade wenn Flüchtlinge einsam seien, sich hilflos fühlten, könne eine größere Gefahr der Radikalisierung entstehen.

Insbesondere in den Kommunen seien die Sozialarbeiter mit der Arbeit überfordert, sagt Gertraud Schlesinger-Kipp (Psychologische Psychotherapeutin), die ebenfalls dem Arbeitskreis angehört.

Allein der Blick auf den Betreuungsschlüssel in den Erstaufnahmen lässt erahnen, dass die Betreuung knapp bemessen ist: In Erstaufnahmen ist laut Sozialministerium für 400 Flüchtlinge mindestens ein Sozialarbeiter oder Sozialpädagoge vorgesehen. Zudem müssen Betreiber wie etwa das Deutsche Rote Kreuz ab 200 Flüchtlingen jeweils einen Sozialarbeiter und einen Sozialbetreuer stellen.

Die psychosozialen Zentren könnten an bestehende Einrichtungen von Wohlfahrtsverbänden und Gesundheitsämtern angedockt werden, sagt Schlesinger-Kipp. Wichtig sei es, dass die Flüchtlinge dort kontinuierlich mit einer Person in Kontakt seien und nicht ständig neue Gesprächspartner bekommen würden.

Das sagt das Sozialministerium

• Die psychologische Betreuung ist kein Standardangebot in einer Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung, da die Flüchtlinge vorübergehend dort untergebracht werden, sagt Esther Walter, Sprecherin des Sozialministeriums. Es finde aber selbstverständlich eine Betreuung statt, wenn es Bedarf gebe. An den Standorten gebe es ein sehr unterschiedliche Angebote, Zentren zur psychologischen Beratung existierten bereits in Marburg, Gießen und Frankfurt.

• Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes arbeiteten zudem seit Herbst letzten Jahres mit dem Alexander-Mitscherlich-Institut, der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am UKGM GmbH, dem Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Gießen, zusammen.

Schlagworte zu diesem Artikel

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.