Vor 100 Jahren trafen die britische und die deutsche Hochseeflotte am Skagerrak aufeinander

Rückblick: Größte Seeschlacht des Ersten Weltkrieges endete ohne Sieger

Festung aus Stahl: Ein deutsches Großkampfschiff feuert während der Schlacht am Skagerrak eine Breitseite auf die britische Flotte ab.

Im Jahr 1916 lieferten sich Briten und Deutsche am Skagerrak die größte Seeschlacht des Ersten Weltkrieges. 100 Jahre danach blicken sie mit ganz anderen Augen auf das Geschehen.

Ruhm und Ehre? Als der britische Telegrafist J. Croad am Morgen nach der Skagerrakschlacht das Deck seines Schiffes betrachtete, hatte er dafür nur noch Sarkasmus übrig. „48 Mann unserer Besatzung waren tot und die meisten bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Wir brauchten fünf Stunden, um aufzuklauben und über Bord zu werfen, was von unseren Kameraden übrig geblieben war – das waren der Ruhm und die Ehre, die wir hatten“, schrieb er später.

Der Verlauf der Schlacht

250 Schiffe und 100 000 Männer trafen am 31. Mai 1916 vor der Küste Dänemarks aufeinander – die gesamte britische Grand Fleet, der Stolz des Empires, und die von Kaiser Wilhelm II. hochgerüstete Hochseeflotte. Schwimmende Festungen aus Stahl, vor Geschützen strotzend, fuhren qualmend, wie Unheil bringende Monster, gegeneinander.

Das erste Aufeinandertreffen bezahlten mehrere Tausend britische Seeleute mit dem Leben. Im Hagel der deutschen Geschosse explodierten die Munitionsdepots der Schlachtkreuzer „HMS Indefatigable“ und „HMS Queen Mary“. Von den beiden Schiffen blieb nichts als eine gigantische Rauchwolke. Mehr als 2000 Mann waren auf der Stelle tot.

Befehlshaber der britischen Flotte: John Jellicoe (1859-1935).

Das Blatt wendete sich, als die britische Hauptflotte mit den gefürchteten Dreadnought-Schlachtschiffen eintraf. Admiral John Jellicoe lenkte seine Flotte so geschickt, dass die Deutschen in eine Phalanx blitzender Kanonenrohre blickten. Admiral Reinhard Scheer gelang es durch ein gewagtes Wendemanöver, den Großteil seiner Flotte außer Reichweite zu bringen, doch die Vorhut wurde vom britischen Geschützfeuer zersiebt.

Wo die Geschosse ihr Ziel verfehlten, stiegen meterhoch Wassersäulen in den Himmel, wo sie einschlugen, durchlöcherten sie zentimeterdicke Stahlwände wie Aluminiumfolie. Splitter, groß wie Fußbälle, rissen alles in Stücke, was ihnen in den Weg kam. Bald war im Durcheinander von Schiffen und Rauch kaum noch Freund von Feind zu unterscheiden.

Als die Dunkelheit hereinbrach, konnten die Deutschen dem Inferno mit knapper Not entkommen. Doch in der Nacht kreuzten sich die Wege der beiden Flotten noch einmal. Die Nachhut der Briten wurde schwer getroffen.

Die Bilanz in Toten und versenkten Schiffen

Die deutsche Flotte kehrte zuerst heim – und wurde als Sieger gefeiert. 6094 Tote hatten die Briten zu beklagen, die Deutschen „nur“ 2551. Auch die Anzahl der britischen Schiffsverluste war deutlich höher. Das war in Deutschland Grund genug, die Schlacht als historischen Triumph zu verklären.

Dabei hatte die deutsche Hochseeflotte strategisch nichts erreicht. Die übermächtigen Briten waren kaum geschwächt. Die Seeblockade führte weiterhin zu Engpässen in der deutschen Industrie und der Nahrungsmittelversorgung.

Befehlshaber der deutschen Flotte: Reinhard Scheer (1863-1928).

Deutschland trat in der Folge in den uneingeschränkten U-Boot-Krieg ein – und provozierte damit den Kriegseintritt der USA, was den Krieg letztlich entschied. Ausgerechnet die Matrosen der vom deutschen Kaiser Wilhelm II. hochgezüchteten Marine waren es schließlich, die das Ende des Kaiserreichs einleiteten: Als sie sich im November 1918 in Kiel und Wilhelmshaven weigerten, zu den letzten, sinnlos gewordenen Schlachten auszulaufen, läutete ihr Aufstand den Beginn der Revolution ein.

Die unterschiedliche Bewertung bis heute

In Großbritannien bezeichnete man den Anspruch auf einen deutschen Sieg in der „Battle of Jutland“, wie die Schlacht dort heißt, umgehend als „Lüge der Hunnen“. Zufrieden war man mit dem Ausgang aber nicht. „Die Öffentlichkeit hatte nichts anderes erwartet als ein zweites Trafalgar“, sagt Nick Hewitt, konzeptioneller Leiter des National Museum of the Royal Navy in Portsmouth. Die Deutschen hätten von der überlegenen Grand Fleet genauso vernichtet werden sollen wie die spanisch-französische Flotte im Jahr 1805 – alles andere war eine Enttäuschung.

Dass man in Deutschland und Großbritannien trotz gemeinsamer Gedenkveranstaltungen noch heute zuweilen ganz unterschiedliche Blicke auf die Schlacht hat, zeigen die Titel der Ausstellungen zum 100. Jahrestag. Während die Schau des Deutschen Marinemuseums in Wilhelmshaven mit „Skagerrak. Schlacht ohne Sieger“ überschrieben ist, heißt es in Portsmouth „The battle that won the war“, die Schlacht, die den Krieg gewonnen hat.

Starb am Skagerrak: Der Schriftsteller Johann Kinau, der unter dem Pseudonym Gorch Fock Bücher wie „Seefahrt tut not“ veröffentlichte. Auf seinen Namen wurde auch das Segelschulschiff „Gorch Fock“ getauft.

Dem Briten Nick Hewitt geht es dabei vor allem darum, zu zeigen, dass die Marine einen entscheidenden Anteil am Verlauf des Krieges hatte. Er deutet die Schlacht als Sieg für sein Land. Für Stephan Huck vom Deutschen Marinemuseum besteht die Relevanz der Schlacht darin, dass die Menschen heute versuchten, aus der Geschichte des Ersten Weltkriegs zu lernen – und politische Fehler von damals vermeiden wollten.

Die beiden Museumsleiter kennen und schätzen sich. Sie haben in der Vorbereitung ihrer Ausstellungen zusammengearbeitet. Für einen gemeinsamen Blick auf die Skagerrakschlacht hat es aber selbst 100 Jahre nach dem Gemetzel noch nicht gereicht. (dpa)

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