Interview: Verhaltensforscherin Elsbeth Stern über den Einfluss der Gene auf die Intelligenz

„Sarrazin hat das nicht verstanden“

Thilo Sarrazin zeichnet ein düsteres Bild: Weniger intelligente Menschen gebären deutlich mehr Kinder als Menschen mit hohem Bildungsabschluss, wobei die Kinder 50 bis 80 Prozent der Intelligenz direkt von den Eltern erben. Sarrazin beruft sich dabei auch auf die Verhaltensforscherin und Psychologin Prof. Dr. Elsbeth Stern. Wir haben sie dazu befragt.

Fühlen Sie sich von Thilo Sarrazin missverstanden, wenn er Sie zitiert?

Elsbeth Stern: Ich weiß gar nicht, wie ich zu dieser zweifelhaften Ehre komme. Es ist psychologisches Lehrbuchwissen, dass Intelligenzunterschiede zwischen Menschen nicht allein auf das Umfeld zurückzuführen sind.

Die Vererbung spielt bei der Intelligenz also eine Rolle?

Stern: Ja, wir müssen von genetischen Unterschieden innerhalb einer Gesellschaft ausgehen. Aber Sarrazin hat nicht verstanden, wie die Vererbung die Entwicklung von Intelligenz beeinflusst. Man kann den Anteil der Gene nur an den Unterschieden erklären, wie leicht Menschen das Lernen und damit die Ausbildung ihrer Intelligenz fällt – nicht an der gesamten Intelligenz.

Wie erforscht man diese Unterschiede?

Stern: Die Natur hat uns ein Experiment geliefert: Eineiige Zwillinge stimmen in ihren Genen perfekt überein. Wenn sie sich in der Entwicklung ihrer Intelligenz unterscheiden, dann muss es zu 100 Prozent auf die Umwelt zurückzuführen sein.

Nun teilen eineiige Zwillinge meist auch ihre Umwelt, von der Gebärmutter über den Kindergarten bis zur Schulbank...

Stern: ... und stimmen bei der Intelligenz meist auch sehr genau überein. Da kommen die zweieiigen Zwillinge ins Spiel: Sie durchleben ebenfalls eine sehr ähnliche Umwelt, unterscheiden sich in den Genen aber so, wie sich normale Geschwister unterscheiden. Bei der Intelligenz zeigen sie auch nur mittelhohe Übereinstimmungen – so wie normale Geschwister.

Garantieren gute Gene auch einen guten Bildungsabschluss?

Stern: Nein, Intelligenz ist eine Ressource, ein Kapital. Manche haben mehr mitgekriegt, andere weniger. Aber auch aus viel Kapital kann man viel Unsinn machen, wenn man es falsch investiert.

Kann die Schule im Umkehrschluss einem weniger gut ausgestatteten Kind so viel Kapital vermitteln, dass es später einen erfolgreichen Beruf ergreifen kann?

Stern: Natürlich. Wenn man von Extremfällen der geistigen Behinderung absieht, kann jeder Mensch Schriftsprache lernen, unabhängig von seinen Eltern. In Finnland funktioniert das zum Beispiel, bis auf etwa 5000 Personen pro Jahr. Dabei gibt es keinen Grund zur Annahme, dass die Gene, die für die Intelligenzentwicklung zuständig sind, in Finnland anders sind als in Deutschland.

Oder als in der Türkei?

Stern: Ja, das ist völlig absurd. Die Gene, die unsere Gehirnentwicklung steuern, haben sich seit etwa 40 000 Jahren nicht mehr grundlegend verändert. Die Menschen hatten damals die gleichen Veranlagungen, um Lesen und Rechnen zu lernen wie heute.

Schrift und Mathematik existieren aber erst seit wenigen tausend Jahren.

Stern: Ja, erst seitdem werden diese Anlagen überhaupt abgerufen. Menschen entwickeln sich aber viel zu langsam, als dass sich zwei Gruppen, die so nah beieinander leben wie die Deutschen und die Türken, in dieser Zeit genetisch entscheidend auseinanderentwickeln könnten.

Wieso machen die Finnen dann aber mehr aus den Voraussetzungen ihrer Kinder?

Stern: Man differenziert dort früher, ohne dass die Schüler in unterschiedliche Schulen aufgeteilt werden. Es ist von Anfang an eine Selbstverständlichkeit, dass manche Kinder mehr Unterstützung brauchen beim Rechnen und Schreiben, und andere nicht. Das leistet der Lehrer der gemeinsamen gleichen Klasse besser als in Deutschland.

Von Simon Neutze

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