„Es geht nicht ums Geld“

Grubenunglück Stolzenbach: Gericht rät Klägerin zum Vergleich

Die Überlebenden der Katastrophe von Stolzenbach - gerettet nach 65 Stunden: Heinz Röse (von links), Wilfried Dönch, Helmut Gessner, Ahmet Batkan, Egon Dehn und Thomas Geppert am 4. Juni 1988. Archivfoto: Koch

Kassel/Borken. Im Berufungsverfahren des Oberlandesgerichtes (OLG) Frankfurt zur Schmerzensgeld-Klage einer Frau, die bei der Bergwerkskatastrophe 1988 in der Braunkohlegrube Stolzenbach bei Borken ihren Mann verloren hat, empfahl der 25. Zivilsenat am Freitag, über einen Vergleich nachzudenken.

51 Kumpel waren am 1. Juni 1988 bei einer verheerenden Braunkohlenstaub-Explosion gestorben. Eine Witwe hatte auf 6000 Euro Schmerzensgeld geklagt - war im August 2014 aber damit vom Landgericht Kassel abgewiesen worden. „Es geht nicht ums Geld“, sagte die Frau gestern. Vielmehr müsse „Licht ins Dunkel“ der Stolzenbach-Katastrophe gebracht werden, hatte sie schon 2014 gefordert.

Strafrechtlich ist die Katastrophe von Borken erledigt und verjährt: Die Kasseler Staatsanwaltschaft legte den Fall nach 16 Monaten im Oktober 1989 zu den Akten. Die Anklagebehörde ging von einem tragischen Unglück aus, fand kein strafbares Vergehen oder Tatverdächtige.

Ansatz der Zivilklage im Juli 2009: Ein bergmännisches Gutachten von 1967, das 2008 aus Behördenarchiven auftauchte, hatte lange vor der Katastrophe nahe Borken vor Gefahren gewarnt, die zünd- und explosionsfähiger Braunkohlenstaub birgt, zumal wenn der Sprengstoff Donarit 1 benutzt wird - wie am Unglückstag in Stolzenbach.

Dieses Papier kannten die Kasseler Staatsanwälte offenbar nicht. Auch nicht weitere Spuren und Akten teils sogar zu anderen Grubenunglücken, die nach Recherchen des Hessischen Rundfunks Fragezeichen hinter Sicherheitsstandards in Stolzenbach setzen. Die Schmerzensgeldklage könnte Fahrlässigkeiten und Verschulden beim Bergwerksleiter und bei Eon, dem Rechtsnachfolger der Grubenbetreiberin Preußenelektra, gerichtlich benennen lassen.

Als eine Art Schlusspunkt hinter quälenden Fragen? Der OLG-Senat, der am Freitag in Kassel verhandelte, riet der Klägerin, über einen Vergleich nachzudenken, um „vielleicht so ihren Frieden zu finden“.

Dass schwere gesundheitliche Folgen des Unglücks-Traumas die Klage der Witwe begründen, zog das Gericht nicht in Zweifel. War tatsächlich alles Nötige und Mögliche im Berg geschehen, um längst bekannten Zünd- und Explosionsgefahren von Braunkohlenstaub zu begegnen? Auch das hält der OLG-Senat durchaus für untersuchenswert.

Hinweise von Bergbehörden, kritische Zonen beim Sprengen extra zu befeuchten, habe es gegeben. Ebenso eine hessische Verordnung von 1969, mehr gegen die Gefahr von Kohlenstaub-Bränden zu tun. Auch die Risiken des Donarit-1-Einsatzes im Bereich trockener Kohlenstaubablagerungen seien bekannt gewesen, hieß es gestern.

Dennoch könnte die Klage an Verjährungsfristen scheitern, so die vorläufige Einschätzung des Senats. Falls die Parteien sich nicht einigten, werde im Juni entschieden.

Hintergrund: Förderung seit 1957

• Die Grube Stolzenbach, seit 1957 in Betrieb, lieferte zum Schluss für das Braunkohlekraftwerk Borken gut die Hälfte des Brennstoffes.

• Kohle aus dem sechs Meter starken Flöz in 100 bis 150 Metern Tiefe wurde über schräge Ebenen auf Fließbändern nach oben gefördert. Braunkohle-Untertageabbau gab es vor seiner Stilllegung in Deutschland nur noch in den nordhessischen Gruben Stolzenbach und Hirschberg östlich von Kassel. 

Mehr dazu im Regiowiki der HNA.

Hintergrund: „Sehr zündwilliger Braunkohlenstaub“

• Ein Gutachten von 1967 legt nahe, dass Risiken bekannt waren: „Bei dem vorgelegten Untertagestaub (...) handelt es sich um einen explosionsgefährlichen, vergleichsweise sehr zündwilligen Braunkohlestaub“, hieß es zu Proben aus dem Borkener Revier.

• 1969 warnte das Oberbergamt Wiesbaden: „Die Zünd- und Explosionsgefährlichkeit von übertrockneten Braunkohlenstäuben ist lange bekannt (...). Dass derartige Stäube an begrenzten Betriebspunkten auch unter Tage vorkommen, ist nun erwiesen.“ (Quelle: hr)

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