Gruben-Explosion mit 51 Toten 1988

Stolzenbach-Entscheidung vertagt: Gericht gibt Klägerin mehr Zeit für Einigung mit Eon

Grubenretter nach der Explosion in Stolzenbach. Foto: Archiv

Borken. Die vermutlich letzte juristische Baustelle zur Grubenexplosion im nordhessischen Borken mit 51 Toten im Juni 1988 bleibt offen.

Im Berufungsverfahren des Oberlandesgerichtes (OLG) Frankfurt zur Schmerzensgeld-Klage einer Frau, die bei der Katastrophe im Braunkohlebergwerk Stolzenbach ihren Mann verloren hat, sollte gestern die Entscheidung kommen.

Schmerzensgeld für die Witwe? Damit auf zivilrechtlichem Weg die Benennung von Fahrlässigkeiten oder Verantwortlichen für das Explosionsdesaster im Berg, die es strafrechtlich nie gab? Oder Abweisung der Klage, weil sie zu spät erhoben wurde, also verjährt ist? Das OLG vertagte sich kurzfristig auf Mitte Juli.

Das soll der Klägerin mehr Zeit geben, sich mit der Gegenseite, dem früheren Bergwerksleiter und Eon, dem Rechtsnachfolger der Grubenbetreiberin Preußenelektra, außergerichtlich zu einigen. Die Gespräche darüber laufen noch.

Ansatz der Zivilklage von 2009 war ein bergmännisches Gutachten von 1967, das lange vor der Stolzenbach-Katastrophe vor Gefahren gewarnt hatte, die zünd- und explosionsfähiger Braunkohlenstaub birgt, zumal wenn der Sprengstoff Donarit 1 benutzt wird - wie am Unglückstag im Berg.

Das brisante Papier war erst 2008 aus Behördenarchiven aufgetaucht, fast 20 Jahre nachdem die Staatsanwaltschaft Kassel strafrechtliche Ermittlungen mit dem Fazit „Tragisches Unglück“ eingestellt hatte. Im Nachhinein, schreibt der aus Borken stammende Jurist Ulf Hempler, hätten Anklagen und Haftstrafen wegen fahrlässiger Tötung in Betracht kommen können, weil die Explosion eben nicht unvorhersehbar war, weil 1934 bei einer ähnlichen Katastrophe im heutigen Tschechien 144 Bergleute starben. Hempler hat den Fall für sein 2015 erschienenes Buch „Das Grubenunglück von Stolzenbach“ aufgearbeitet. Dort wird sogar ein früherer Mitarbeiter der Kasseler Bergaufsicht mit dem Eingeständnis zitiert, die Explosion gehe auf „kollektives Versagen“ von Betreibern und Ämtern zurück.

Es gehe nicht ums Geld, so die Klägerin, sondern darum, Licht ins Dunkel zu bringen. Falls das OLG die Klage abweist und Revision zulässt, könnte der Weg durchs Dunkel von Stolzenbach bis zum Bundesgerichtshof führen.

Lesetipp: 

Ulf Hempler, "Das Grubenunglück von Stolzenbach", Books on Demand, Norderstedt, 2015, ISBN 978-3-7412-3536-8, 10,99 Euro

Videotipp: 

HR-Reportage "Verschwiegen - vertuscht - versagt"

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