Strafe: Jugendliche müssen Buch lesen

Fulda. Lesen statt Arbeitsstunden oder Arrest - das Jugendgericht in Fulda geht völlig neue Wege bei der Resozialisation straffälliger Jugendlicher.

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Lesen als Jugendstrafe? Ein Pro und Kontra

Der Jugendrichter Christoph Mangelsdorf (47) hat vor wenigen Wochen das Projekt „lesen anstatt“ ins Leben gerufen, das in Hessen bislang einmalig ist. Das Ziel: Junge Ersttäter mit Hilfe von Büchern zum Nachdenken über ihr Verhalten anzuregen und ihnen damit Zukunftschancen zu eröffnen.

In Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe im Strafverfahren wurden 14 Bücher ausgewählt, die sich mit Problematiken wie Beziehungsproblemen, Alkohol, Mobbing oder Schulstress beschäftigen (siehe Hintergrund). Sie sollen einen engen Bezug zur Straftat haben. Das Angebot richtet sich auch an junge Leute, die aufgrund von körperlichen Einschränkungen oder Schwangerschaft keine soziale Arbeit leisten können, aber nicht nur an diesen Kreis. Mangelsdorf nennt im Gespräch mit unserer Zeitung als Ziel, den Jugendlichen ihre Fehler klarzumachen und sich auch in die Rolle der Opfer hineinzuversetzen.

Das Projekt läuft in Zusammenarbeit mit der Fuldaer Thalia-Buchhandlung, wo die 14 Titel auf einem Sondertisch stehen. Bevor die Betroffenen zum Lesen „verurteilt“ werden, führen Mitarbeiter der Jugendhilfe im Strafverfahren und Jugendrichter Mangelsdorf ein Gespräch mit ihnen. Dabei verschaffen sie sich einen Eindruck davon, ob die Ersttäter überhaupt in der Lage sind, ein Buch zu lesen, zu verstehen und daraus zu lernen.

Wer keinerlei Interesse am Lesen hat, kommt nicht in Frage. Nach den Erfahrungen der Jugendhilfe ist es für viele eine wirkliche Strafarbeit, mehr als 20 Seiten zu lesen. Die Entscheidung, wer das Lesen eines Buches auferlegt bekommt, trifft der Jugendrichter, den Buchtitel gibt die Jugendhilfe vor. Die Betroffenen müssen das Buch in der Regel selbst kaufen, in Ausnahmefällen kann es auch ausgeliehen werden. Erfolg wird kontrolliert Der Erfolg wird kontrolliert.

Die Jugendlichen müssen nach der Lektüre den Inhalt zusammenfassen und auf ihre eigene Situation hin auch bewerten. Mangelsdorf: „Das muss mehr sein als eine Inhaltsangabe.“ Rechtlich ist das Anordnen von Lesen auf derselben Stufe wie gemeinnützige Arbeit angesiedelt. Wer sich nicht daran hält, kann härter bestraft werden. Mangelsdorf, der seit 1995 beim Amtsgericht Fulda arbeitet, ist von den ersten Erfahrungen mit dem Projekt angetan. Von zufriedenstellend bis sehr gut stuft er den Erfolg ein. Bislang haben elf Jugendliche ein Buch gelesen und bewertet.

Der Jugendrichter hofft außerdem, junge Leute neugierig auf weitere Bücher zu machen und die Leselust zu steigern. Damit soll, so der Jurist abschließend, auch das Verständnis für Sprache und Kommunikation verbessert werden

Von Peter Klebe

14 Bücher stehen zur Auswahl

Die Liste der Bücher, die straffällige Jugendliche lesen müssen, besteht aus 14 Titeln. Die Entscheidung darüber rifft das Jugendgericht. Die Titel: • Mirjam Pressler: Ameisensiedlung (Problembereich Ausgrenzung, Alkohol, Schuleschwänzen) • Christina Wahlden: Kurzer Rock (Problembereiche Sexualdelikte, Alkohol) • Mats Wahl: Winterbucht, Schwedisch für Idioten (Gewalt, Beziehungsprobleme, Alkohol, Schulprobleme) • John Green: Eine wie Alaska (Beziehungsprobleme, Alkohol) • Morton Rhue: Ich knall euch ab (Schule, Mobbing) • Malorie Blackmann: Himmel und Hölle (Ausgrenzung) • Alina Bronsky: Scherbenpark (Ausgrenzung, Alkohol, Schule) • Kevin Brooks: Lucas, Candy, The Road of the Dead • Jan Guillou: Evil (Gewalt, Mobbing)

Rubriklistenbild: © dpa

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