Stuttgarter Chaostage in der AfD: Ein "regional begrenzter Streit“?

Einen Tag nach seinem Austritt aus der Stuttgarter AfD-Landtagsfraktion hat der ExFraktionschef und AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen eine neue Fraktion gegründet. Manche sehen in den Chaostagen von Stuttgart ein Menetekel für die AfD insgesamt. Über den Zwist in Stuttgart sprach Tibor Pézsa mit dem stellvertretenden AfD-Vorsitzenden, Albrecht Glaser.

Über den Zwist in der Stuttgarter Landtagsfraktion der AfD sprachen wir mit dem stellvertretenden AfD-Bundessprecher, Albrecht Glaser.

Herr Glaser, was ist das in Stuttgart: Anfang vom Ende oder unumgänglicher Klärungsprozess in der AfD?

Albrecht Glaser: Der Streit in der Stuttgarter Landtagsfraktion der AfD ist ein regional begrenzter Streit, der sich um die Personen des baden-württembergischen AfD-Vorsitzenden und -Bundessprechers Jörg Meuthen sowie um das ehemalige Fraktionsmitglied Wolfgang Gideon rankt. Hätte Meuthen den Konflikt besser moderiert, so wie es Frauke Petry am Dienstagabend zu gelingen schien, wäre es nicht zu dieser Eskalation gekommen.

Jörg Meuthen trägt dafür die Verantwortung?

Glaser: Zweifellos, er ist der Landesvorsitzende und war der Fraktionsvorsitzende.

Hat die AfD ein Antisemitismus-Problem? Bis zu Wolfgang Gedeons Austritt am Dienstag standen neun der 23 AfD-Abgeordneten auf dessen Seite.

Glaser: Die AfD hat kein Antisemitismusproblem. Da sind wir und alle handelnden Personen unmissverständlich klar. Gedeon ist in der Partei isoliert. Man hat in Baden-Württemberg nur versäumt, etwas früher Erkenntnisse über seine Persönlichkeit zu gewinnen. Bei einer so schnell wachsenden Partei ist es nicht möglich, jeden Eintrittswilligen so genau kennen zu lernen, um solche Fälle gänzlich auszuschließen.

Jörg Meuthen wie auch Ihr Kollege im AfD-Vorstand, Alexander Gauland, kritisieren das Eingreifen von Meuthens Co-AfD-Vorsitzender Frauke Petry in Stuttgart. Handelt es sich um einen Machtkampf?

Glaser: Ausgangspunkt von Zwistigkeiten könnte der Tabubruch von Berlin gewesen sein. Anfang Juni haben die Herren Meuthen und Gauland zusammen mit dem thüringischen AfD-Vorsitzenden Björn Höcke die Presse zu einem Hintergrundgespräch nach Berlin bestellt. Petry war nicht dabei. Und hinterher war überall zu lesen und zu hören, was für Defizite sie angeblich habe. Das war schon sehr speziell. So kann man nicht miteinander umgehen. Dies ist ein grober Verstoß gegen elementare Anstandsregeln.

Also geht doch ein Riss durch die AfD, handelt es sich nicht nur um ein regionales Problem in Stuttgart?

Glaser: Nein. Es geht um das Agieren einer sehr überschaubaren Zahl von Personen. Leider muss auch Jörg Meuthen hier verortet werden. Sie stehen aber nicht für Flügel oder Richtungen in der Partei. Denken Sie an die vielen AfD-Landesverbände, die geschlossen für eine bessere Politik in Deutschland arbeiten. Das Problem ist wirklich regional und sehr überschaubar.

Bei dieser Deutung reibt man sich doch die Augen: Die Briten verlassen die EU, in Brüssel brennt die Luft, die Migrationskrise ist ungelöst, Südeuropa braucht neue Milliarden - und die AfD beharkt sich selbst. Aber sonst haben Sie kein Problem?

Glaser: Nun mal langsam. Das stimmt ja so nicht. Wir haben uns zu all dem klar geäußert. Eine andere Frage ist sicher, was davon öffentlich verbreitet wird.

Wie ist eigentlich Ihre Rolle in den Auseinandersetzungen zwischen Alexander Gauland, Jörg Meuthen auf der einen Seite und Frauke Petry auf der anderen. Anscheinend stehen Sie auf Seiten Petrys?

Glaser: Ich sehe mich als völlig eigenständig agierenden Teilnehmer. Ich bemühe mich um Sachlichkeit und fördere Führungskompetenz in der Partei. Da sehe ich im Bundesvorstand Frauke Petry in der Tat als herausragendes Talent.

Stimmen Sie eigentlich an der AfD-Spitze öffentliche Auftritte und Interviews miteinander ab?

Glaser: Nein. Wir lernen. Und Ihr Berufsstand, die Journalisten, haben natürlich ganz eigene Interessen, den einen oder anderen aus der Reserve zu locken.

Eine Frage der Disziplin und Koordination, meinen Sie nicht?

Glaser: Sicher auch. Aber Sie wissen ja, wie es läuft. Da meldet sich dann etwa Sandra Maischberger und sagt: Ich will diesmal eine Frau für meine Sendung, ein unverbrauchtes Gesicht. Und so etwas wollen und können wir gar nicht absprechen. So viel Vertrauen untereinander muss einfach sein.

Sie haben aber schon gemerkt, dass Sie Ihre These von einem rein auf Stuttgart begrenzten Konflikt in unserem Gespräch selbst widerlegt haben?

Glaser: Nein, das sehe ich nicht so. Es geht hier um einzelne Persönlichkeiten, auch um ihren Einfluss in der Partei. Aber nicht um auseinanderstrebende Parteiströmungen. Da steht die AfD geschlossen und gerade.

Zeigt die Affäre von Stuttgart nicht auch, dass das innerparteiliche Ringen um die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl im nächsten Jahr schon jetzt begonnen hat?

Glaser: Ja, das ist wohl so. Ich sehe, dass Einzelpersonen ihre Interessen wahren wollen. Von Frau Petry oder dem Bundesvorstand ist dieses Thema bisher nicht berührt worden. Allerdings hat etwa Herr Gauland sich medial dazu geäußert ohne jeglichen erkennbaren Grund.

Sein Versuch, Petry zu verhindern?

Glaser: Man darf dazu spekulieren.

Wie lange kann sich die AfD so etwas leisten?

Glaser: Jeder Tag ist einer zuviel.

Zur Person

Albrecht Glaser (74), in Worms geboren, studierte Rechts-, Staats- und Verwaltungswissenschaften und Geschichte unter anderem in Tübingen. 1970 der CDU beigetreten, arbeitete er als Dozent, später als Bürgermeister, zwischen 1995-2002 als Stadtkämmerer in Frankfurt und schließlich als Geschäftsführer der ABG Frankfurt Holding, einer Wohnungsbaugesellschaft. 2013 verließ der verheiratete Vater von vier Kindern aus Protest die CDU. Glaser lebt im nordhessischen Niedenstein (Schwalm-Eder-Kreis).

Von Tibor Pézsa

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