Trassenplanung beginnt neu

Suedlink dauert länger - Umstieg von Freileitung auf Erdkabel kostet Milliarden mehr

Trasse Richtung Horizont, Vorbild für Suedlink: Offshore-Windprojekte wie BorWin3 werden mit Gleichstrom-Erdkabeln ans Netz gebracht. Im Bild: Zuschütten des Kabelgrabens unweit der niedersächsischen Nordsee-Küste. Vorn nahe des roten Baggers markieren Warnbänder die zwei Kabeladern im Boden. Fotos: Tennet/dpa

Berlin / Kassel. Die für die Energiewende wichtigen Strom-Autobahnen von Nord- nach Süddeutschland verzögern sich durch die geplante unterirdische Verlegung voraussichtlich um mehrere Jahre.

Nach dem Bericht der Netzagentur wird die sogenannte Suedlink-Trasse - die 800 Kilometer lange Hauptschlagader der Energiewende - von Norddeutschland über Nord- und Osthessen nach Bayern und Baden-Württemberg erst 2025 fertig, drei Jahre später als geplant. Fragen und Antworten:

Das letzte Atomkraftwerk soll 2022 vom Netz gehen - wieso nun die Verzögerung bei den großen Stromtrassen?

Das Erdkabelgesetz war Ende 2015 verabschiedet worden, um Widerstände gegen große neue Stromtrassen zu entschärfen. Suedlink soll mit wenigen Ausnahmen in den Boden. Da gibt es dann keine Proteste gegen 70-Meter-Masten und ihre Standorte, keine Klagewelle durch die Instanzen, also Zeitgewinn, glaubt die Bundesregierung. Jochen Homann, Chef der Bundesnetzagentur: „Das Erdkabelgesetz verzögert den Netzausbau nicht, es macht ihn erst möglich.“

Und die angekündigten drei Jahre Verzögerung?

Die erklären sich auch aus einer Planung, die in weiten Bereichen neu beginnt. Möglichst gerade entlang der Luftlinie von Brunsbüttel und Wilster an der Elbe nach Baden-Württemberg und Bayern, heißt jetzt die Devise für die beiden Zweige der Suedlink-Hochspannungsleitung. Was aber nicht bedeutet, stur geradeaus quer durch Städte und Dörfer. Bei der Trassensuche für die alte Masten-Variante schlugen die Vorschläge ziemliche Haken - auch weil sie mit vorhandenen Leitungen gebündelt werden sollten. Erste Korridorvorschläge hofft Netzbetreiber Tennet bis Herbst machen zu können.

Und die Kosten der Erdverkabelung?

Experten in Bundeswirtschaftsministerium gingen 2015 davon aus, dass die Erdverkabelung von Suedlink und Südost die Verbraucher drei bis acht Mrd. Euro extra kostet. Pro Musterhaushalt mit 3500 Kilowattstunden Jahresverbrauch wären das beim Netzentgelt, das man mit der Stromrechnung zahlt, 3,40 bis 9,10 Euro pro Jahr mehr (Stand 2015). Die 21 Landkreise der „Hamelner Erklärung“, die früh Erdkabel forderten, sehen neben ersparten Prozesskosten auch andere Posten gegenzurechnen: Wertverlust von Häusern unter Freileitungen, Vermeidung von Sabotage- und Wetterrisiken.

Was ist mit Strahlung aus Kabeln im Boden?

Bei Gleichstromleitungen (HGÜ) wie Suedlink erzeugen Erdkabel laut Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) außerhalb des Bodens keine elektrischen Felder, nur eng begrenzte magnetische - anders als HGÜ-Freileitungen. Mit Blick auf die Gesundheit von Anwohnern gelten Grenzwerte für diese Felder. Darunter seien konkrete Gesundheitsgefahren nicht nachgewiesen, so das BfS. Aber vieles ist einfach auch noch nicht erforscht.

Und Wärmeentwicklung von Erdkabeln im Boden?

Wird als Problem überbewertet, sagte Bodenexperte Norbert Feldwisch 2015 bei einer Expertentagung in Kassel. Allenfalls trockene Böden reagierten. „Ausgeprägte Wachstumsschwächen“ fänden sich im Übrigen auch über den 450 000 Kilometern Gasleitungen in deutschen Böden.

Bauern sehen sie mit gemischten Gefühlen: Welche Nachteile der Erdverkabelung werden diskutiert ?

Neben den Kosten größere Eingriffe in den Boden als beim Mastenbau. Reparatur und Wartung können auch später entlang der Trasse stören, sagt ein Positionspapier der Bundesnetzagentur. Sie sind komplexer und langwieriger als bei Freileitungen. Größer ist auch das Risiko, auf Hindernisse zu stoßen: schwieriger Baugrund, verborgene Altlasten im Boden, der Zwang, andere Infrastruktur-Trassen kreuzen zu müssen - Hindernisse einfach 400 Meter von Mast zu Mast zu überspannen, geht bei Erdkabeln nicht.

„Es ist der viele Windstrom, der neue teure Überlandleitungen braucht“, sagen Energiewende-Kritiker. Korrekt?

Baden-Württembergs Energieminister Franz Untersteller (Grüne) sieht’s anders: „Vereinfacht gesagt: Die Netze, die wir heute haben, sind verstopft von Strom aus alten Braunkohlekraftwerken.“ Die erneuerbaren Energien zubremsen, wie jetzt geplant, sei der falsche Weg.

Was wollen Kritiker aus dieser Ecke stattdessen?

Fachleute wie Patrick Graichen von der Berliner Energiewende-Denkfabrik Agora fordern den schnellen Ausstieg aus Kohleverstromung. Er sehe den Energiewende-Zeitplan auch durch Netz-Umplanung nicht in Gefahr, sagte Graichen der Frankfurter Rundschau. Die Stilllegung alter Kohlemeiler und AKW im Norden schaffe Platz im vorhandenen Netz für den Windstromtransport nach Süden. Graichens Forderung: Kohlekraftwerke, die vor 2000 ans Netz gingen, bis 2035 abschalten. Wärmemarkt und Mobilität bräuchten in Zukunft deutlich mehr Strom - aus Klimaschutzgründen aber Strom aus erneuerbaren Energien.

Hintergrund: Alte Pläne stehen nun kopf

• Suedlink bündelt zwei Hochspannungs-Gleichstromleitungen (HGÜ) von Brunsbüttel und Wilster an der Elbe nach Großgartach (Baden-Württemberg) und Grafenrheinfeld (Bayern).

• Frühere Pläne stehen nun kopf: Bei Suedlink ist Erdverkabelung die Regel, Freileitungsbau die Ausnahme.

• Abschnitte mit Masten sind eng begrenzt zulässig aus Artenschutz- und Naturschutzgründen.

• Kommunen können den Einsatz von Freileitungen auf ihrem Gebiet beantragen. • Netzausbau bundesweit: http://zu.hna.de/suednetz

Info-Papiere zum Suedlink-Neustart

• Technische Basisinformationen der Netzbetreiber

http://zu.hna.de/suedbasis

• Positiospapier der Netzagentur zu Erdkabel-Planung http://zu.hna.de/suedposition

• Flyer des Netzbetreibers Tennet zu HGÜ-Erdkabeln

http://zu.hna.de/suedhgue

• Gefördert von der Bundesregierung bietet der Bürgerdialog Stromnetz Infos und Beratung (Büro Kassel, Fünffensterstraße 2, (Eingang im Hinterhof). Heute, Freitag, 10. Juni, geht es ab 14 Uhr um gesundheitliche Folgen des Netzausbaus 0561/3502 94690

www.buergerdialog-stromnetz.de

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