Tierschutz im Grundgesetz: "Es hat sich nichts geändert"

Gnadenlose Auslese: Täglich werden Tausende männliche Küken wegen ihres Geschlechts gleich nach der Geburt getötet, weil sie keine Eier legen können. Foto:  dpa

Berlin. Zehn Jahre nach der Einführung des Tierschutzes in das Grundgesetz hat sich an der realen Situation der Tiere nichts geändert. So lautet das Fazit des Deutschen Tierschutzbundes.

„Der Unterschied zwischen Anspruch des Grundgesetzes und Wirklichkeit im Tierschutzgesetz ist eklatant“, monierte der Präsident des Tierschutzbunds, Thomas Schröder.

Vor zehn Jahren beschloss der Bundestag mit großer Mehrheit, Artikel 20a des Grundgesetzes um drei Worte zu ergänzen: Der Staat schützt die natürlichen Lebensgrundlagen „und die Tiere“. Die Verfassungsänderung, die am 1. August 2002 in Kraft trat, gibt Lebensbedingungen von Tieren rechtlich mehr Gewicht. Bis dahin galten Regelungen im Tierschutzgesetz leicht als nachrangig, wenn ihnen andere Grundrechte entgegenstanden – etwa die Freiheit der Wissenschaft oder der Religion.

Tierschützer sehen dennoch keinen Grund, das Jubiläum des Gesetzes zu feiern. Die Leiden der Tiere: Der Deutsche Tierschutzbund listet eine lange Reihe von Missständen auf:


• Ferkel dürfen ohne Betäubung kastriert werden.

• Jedes Jahr werden Millionen Tiere in Transportern stundenlang über die Straßen Europas gekarrt.

• In der Landwirtschaft werden Hühnern die Schnäbel abgeschnitten, Rinder unter Schmerzen enthornt.

• Die Haltung von Tieren zur reinen Fellgewinnung ist weiterhin erlaubt.

• In Wanderzirkussen dürfen Wildtiere wie Tiger, Bären oder Elefanten noch immer mitgeführt werden.

• Tiere sind noch immer „Versuchsmaterial“ für die Forschung.

„Bestehende gesetzliche Regelungen werden einfach nicht eingehalten“, beklagte auch die Linke im Bundestag. So würden täglich Tausende männliche Küken wegen ihres Geschlechts gleich nach der Geburt getötet. Das Staatsziel mit Leben zu erfüllen, mahnt auch die SPD an und sieht vor allem bei Nutztieren Handlungsbedarf. Neben den Schäden, für die Menschen verantwortlich sind, warnt eine Studie der Umweltstiftung WWF auch vor einer Verdrängung von Tieren und Pflanzen etwa durch Treibhausgase. Das hat sich gebessert:

• Brandzeichen, mit denen Pferde markiert werden, sollen verboten werden.

• Ein Ende haben soll auch das Ferkel-Kastrieren ohne Betäubung – allerdings erst 2017.

• Um qualvollen Züchtungen einen Riegel vorzuschieben, sollen etwa bizarr kleinwüchsige Hunde nicht mehr bei Ausstellungen gezeigt werden dürfen.

• Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner hat strengere Vorschriften für die gewerbsmäßige Kaninchenzucht und den ausufernden Antibiotika-Einsatz in der Tiermast angekündigt.

WWF warnt vor weltweitem Artensterben

Die Umweltstiftung WWF hat ihren „Living Planet Report 2012“ veröffentlicht. Alle zwei Jahre beschreibt der WWF in diesem Bericht, wie es um die Lebensräume Meere, Flüsse und Wälder bestellt ist und untersucht dazu knapp 2700 Tierarten in über 9000 Populationen. Die Untersuchung zeigt: Unserem Planeten geht es zunehmend schlechter. 13 Millionen Hektar Waldflächen als natürliche CO2-Senken verschwinden pro Jahr und die Bestände an Wirbeltieren sind um rund 30 Prozent geringer als noch 1970. Vor allem in tropischen Arealen sieht es nach Angaben des „Living Planet Report“ schlecht aus.

Dort schrumpften die Tierpopulationen seit Beginn der Aufzeichnungen 1970 um 60 Prozent. So sind etwa die Flussdelfine in China vom Aussterben bedroht. Auch von frei lebenden Tigern gebe weltweit nur 3500 Exemplare, schätzt der WWF. Dramatisch sind ebenfalls die Auswirkungen in den überfischten Meeren, wo nicht nur der Thunfisch und Kabeljau drastisch zurückgingen: Insgesamt sanken die Bestände dort seit 1970 um mehr als ein Fünftel, im Süßwasser sogar um mehr als ein Drittel. (dpa) Mehr erfahren Sie auf: www.wwf.de