Viele Pflegebedürftige können Betreuung nicht mehr bezahlen

Trotz Versicherung: Sozialfall durch Pflege

Viele pflegebedürftige alte Menschen können die Pflegekosten aus eigener Kraft nicht aufbringen - sie werden im Alter zu Sozialhilfeempfängern. Foto: dpa
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Viele pflegebedürftige alte Menschen können die Pflegekosten aus eigener Kraft nicht aufbringen - sie werden im Alter zu Sozialhilfeempfängern.

Wenn Angehörige zum Pflegefall werden, herrscht oft Ratlosigkeit. Wo finde ich Hilfe oder gar ein Heim? Und warum ist das alles so teuer - trotz Pflegeversicherung, die jetzt 20 Jahre alt wird? Diese und weiteren Fragen wollen wir in einer kleinen Serie beantworten.

2015 wird die Pflegeversicherung 20 Jahre alt. Doch bei aller Freude über die sozialpolitische Errungenschaft sind Probleme nicht zu übersehen: Immer mehr Pflegebedürftige werden trotz der Versicherungsleistungen zum Sozialfall. Nach einer Datenübersicht des Statistischen Bundesamtes, die unserer Zeitung vorliegt, ist die Zahl der Empfänger von staatlicher „Hilfe zur Pflege“ allein seit 2005 um rund 31 Prozent gestiegen.

Während vor zehn Jahren knapp 340.000 Pflegebedürftige auf finanzielle Unterstützung angewiesen waren, wurden im Jahr 2013 bereits 444.000 Fälle registriert. Etwa zwei von drei Betroffenen wohnen in Heimen, ein Drittel lebt in den eigenen vier Wänden oder ist anderweitig untergebracht. Bei den Zahlen ist allerdings auch zu berücksichtigen, dass auch die Zahl der Pflegebedürftigen insgesamt erheblich angestiegen ist - von 1,95 Millionen 2005 auf 2,48 Millionen Menschen 2013.

Auch die staatlichen Nettoausgaben zur Finanzierung armutsgefährdeter Pflegebedürftiger haben deutlich zugelegt - von 2,61 Milliarden Euro im Jahr 2005 auf 3,34 Milliarden im Jahr 2013. Geld, das der Staat nach dem Sozialgesetzbuch zahlen muss, wenn die Pflegebedürftigen beziehungsweise ihre zum Unterhalt verpflichteten Angehörigen die Kosten nicht aus eigenem Einkommen oder Vermögen decken können. Grundsätzlich wird aber nur ein Teil der entstehenden Pflegeaufwendungen übernommen.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD, Hilde Mattheis, meint, das Problem der wachsenden Anzahl an Sozialhilfeempfängern ließe sich durch eine solidarische Einbeziehung aller Bürger zur Finanzierung der Pflegeversicherung entschärfen. Ein erster Schritt dazu könne ein Finanzausgleich zwischen der privaten und gesetzlichen Pflegeversicherung sein, den die SPD schon länger fordere.

„Langfristig sollte man sich auch einer Debatte um die Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze nicht verschließen“, erklärte Mattheis. Die Sozialexpertin der Linken, Sabine Zimmermann, mahnte indes eine grundlegende Reform der Pflegeversicherung an. Viele Betroffene und ihre Familien könnten das Geld nicht aufbringen, sagte Zimmermann. Dieser Trend werde sich wohl weiter verstärken. „Deshalb muss die Pflegeversicherung umgebaut werden, weg vom Zuschussprinzip, hin zur Vollversicherung.“ (wird fortgesetzt)

Von Stefan Vetter und Petra Wettlaufer-Pohl

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