Treffen am Dienstag

Setzt Erdogan jetzt auf Putin als starken Partner?

+
Erdogan (l.) bei Putin im September letzten Jahres. Am Dienstag treffen sich die beiden Staatschefs wieder.

Ankara - Im November schoss die Türkei einen russischen Kampfjet ab, zwischen den beiden Staaten kriselte es gewaltig. Doch spätestens seit dem gescheiterten Putsch geht die Türkei gegenüber Putin auf Kuschelkurs.

Schritt für Schritt hat sich die Türkei in den vergangenen Wochen aus der Sicht des Westens ins Abseits manövriert. Umso argwöhnischer dürfte nun das Treffen des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin kommenden Dienstag in Sankt Petersburg beobachtet werden. Es steht die Frage im Raum, ob Erdogan künftig lieber auf eine Allianz mit Moskau setzt. Experten geben der Annäherung eine reale Chance, allerdings ist auch das türkisch-russische Verhältnis nicht frei von Spannungen.

Seit 1952 ist die Türkei Nato-Mitglied, die Annäherung an die EU läuft seit Jahrzehnten. Doch das harte Vorgehen der türkischen Führung gegen Regierungskritiker seit dem gescheiterten Militärputsch von Mitte Juli, türkische Gedankenspiele zur Wiedereinführung der Todesstrafe und Drohungen aus Ankara im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise stoßen auf Unverständnis und Empörung bei den westlichen Partnern.

Türkei wirft USA Unterstützung der Putschisten vor

Erdogan beklagt eine mangelnde Solidarität der EU und wirft den USA sogar vor, die Putschisten zu unterstützen. Jüngst verkündete er, was die EU-Vertreter sagten, "interessiert mich nicht, und ich höre ihnen nicht zu". Von Putin hingegen bekam Erdogan nach der gescheiterten Armeerevolte einen Anruf - der Kremlchef brachte seine Unterstützung zum Ausdruck.

Der Nahost-Experte Udo Steinbach sieht in der Annäherung der Türkei an Russland ein "Signal, dass für Erdogan die EU-Dimension absolut irrelevant geworden ist". Seit 2013 mache der türkische Staatschef keinen Hehl mehr daraus, dass er den Prozess einer EU-Mitgliedschaft "abgehakt hat", so Steinbach. Der Annäherungsprozess an Russland sei seit langem im Gange und durch den Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei im syrischen Grenzgebiet im vergangenen November nur "unterbrochen worden".

Gas-Pipeline-Projekt "Rückgrat" der Annäherung

Steinbach sieht in den Persönlichkeiten beider Politiker eine Chance für die Allianz: Erdogan und Putin stünden sich "geistig und politisch" nahe. Nun sei eine politische Konjunktur entstanden, in der beide das Gefühl hätten, wieder näher aneinander heranrücken zu können. Die wirtschaftliche Dimension, vor allem die Energiefrage und der geplante Bau der Gas-Pipeline TurkStream, sei dabei das "Rückgrat" dieser Annäherung, meint Steinbach.

Handfeste Differenzen zwischen Erdogan und Putin gibt es hingegen bei den Konflikten in der Region - vor allem in Syrien. Ein türkischer Experte, der namentlich nicht genannt werden wollte, sieht gar "keine einzige internationale Krise, bei der sich Türken und Russen einig wären". Der Türkei-Analyst Jean Marcou von der Universität Sciences Po in Grenoble rechnet wegen der Syrien-Problematik nicht mit einer "Allianz" beider Länder, höchstens mit einer "Annäherung" auf der Basis wirtschaftlicher Beweggründe.

Steinbach ist der Ansicht, dass der Syrien-Konflikt - neben Uneinigkeiten über die russische Politik im Kaukasus und in der Ukraine - die "entscheidende Frage" im bilateralen Verhältnis der beiden Länder sein wird. Er schließt dabei Zugeständnisse der Türkei nicht aus: Aus Ankara kämen schon "seit geraumer Zeit Signale", dass die Idee eines Sturzes von Syriens Präsident Baschar al-Assad "aufgegeben" worden sei. Russland unterstützt den Machthaber in Damaskus, die Türkei hielt bislang an einem Machtwechsel fest.

Eine Annäherung zwischen Putin und Erdogan wird nach Ansicht der Experten aber nicht zu einem Bruch im türkischen Verhältnis zum Westen führen. Steinbach sieht darin eine rein "bilaterale Geschichte", die für EU und Nato bislang "keine Bedeutung" habe. Der Analyst Marcou ist gar der Meinung, das türkisch-westliche Bündnis werde "die Achse bleiben, die die türkische Außenpolitik bestimmt".

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.