Innerhalb von zwei Tagen "unwahrschinlich"

"Turboradikalisierung"? Das sagt ein Experte

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Der Attentäter von Ansbach.

Nürnberg - Der Leiter der Beratungsstelle Radikalisierung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf), Florian Endres, hält eine "Turboradikalisierung" junger Muslime für wenig wahrscheinlich.

"Es gibt natürlich Radikalisierungsprozesse, die sehr schnell verlaufen, beispielsweise binnen Wochen oder Monaten", sagte Endres der Nachrichtenagentur AFP. Dass sich jemand aber innerhalb von zwei Tagen "von einem wenig gläubigen Muslim zu einem dschihadistisch motivierten Attentäter wandelt, ist nach unserer Erfahrung unwahrscheinlich".

Bei der Bamf-Beratungsstelle Radikalisierung können sich seit dem Jahr 2012 Eltern, Freunde oder Lehrer von jungen Leuten, die in den Islamismus abgleiten, telefonisch beraten lassen. Seit Schaltung der Hotline wurden bereits mehr als 2500 Telefonate geführt. Mehr als 900 Gespräche waren es allein im vergangenen Jahr - Tendenz steigend. Derzeit gehen in der Beratungsstelle monatlich zwischen 70 und 90 Anrufe ein.

Bei den Anrufern handelt es sich Endres zufolge in den allermeisten Fällen um Menschen, die zum unmittelbaren Umfeld der Radikalisierten gehören. Dies seien vor allem Eltern und andere Familienangehörige, aber auch Freunde aus der Schule, Lehrer oder Jugendämter.

Ein typisches Profil eines radikalisierten Menschen gebe es nicht. "Wir haben Zwölf- bis 20-Jährige, Jugendliche mit Studienplatz und einem scheinbar perfekten Familienumfeld, aber auch solche, die keinen Schulabschluss haben oder sogar obdachlos waren", sagte Endres.

Für eine Radikalisierung gebe es unterschiedliche Anzeichen, allen voran eine starke Ideologisierung. Die Betreffenden äußerten sich beispielsweise abwertend über Andersgläubige, glorifizierten extremistische Organisationen oder schlössen sich salafistischen Gruppen an.

Dem Radikalisierungsprozess liege in der Regel auch eine "gewisse Portion Unmut" zugrunde, etwa aufgrund persönlicher Diskriminierungserfahrungen, Problemen in der Schule oder mit den Eltern, sagte Endres. Diese Unzufriedenheit mache Menschen anfällig für die Radikalisierung.

Es sei wichtig, "möglichst frühzeitig" zu intervenieren, betonte Endres. "Wir versuchen, die alten familiären Strukturen - plus Schule, plus Arbeitsplatz - aufzustellen und dem Jugendlichen wieder eine Alternative zu geben". "Wenn sich jemand schon in Syrien oder im Irak befindet, ist das natürlich schwierig."

In den vergangenen Tagen hatten mehrere Anschläge Deutschland schockiert. Am Sonntag sprengte sich ein syrischer Flüchtling in Ansbach in die Luft und verletzte 15 Menschen. Wenige Tage zuvor hatte ein vermutlich aus Afghanistan stammender Flüchtling bei Würzburg in einem Regionalzug und auf der Flucht mit einer Axt fünf Menschen schwer verletzt. In beiden Fällen gehen die Ermittler von einem islamistischen Hintergrund aus.

Am Freitag vor einer Woche erschoss ein 18-jähriger Amokläufer in München neun Menschen und dann sich selbst - alle Opfer hatten einen Migrationshintergrund. Unbestätigten Berichten zufolge soll der Täter ein rechtsextremes Weltbild gehabt haben.

AFP

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