Umstrittenes Fracking: Hier erlaubt, dort tabu

Berlin. Ein Kompromiss könnte die Kuh vom Eis bringen: Fracking, die hoch umstrittene Gasfördertechnik, soll bundesweit in geologisch oberflächennahen Schichten wie Schiefer- und Tongestein verboten werden. In tiefen Sandsteinlagen hingegen soll weiter gefrackt werden dürfen. Fragen und Antworten:

Fünf Jahre Streit, fünf Jahre Frackingpause - was sagt die Industrie zur Einigung der Koalition im Bundestag?

Lob dafür, dass in tiefen Lagen wieder gefrackt werden kann, sagt Christoph Löwer, Hauptgeschäftsführer des BVEG, dem Verband der Öl- und Gasförderer. Und scharfe Kritik, dass Fracking in Schiefer- und Tonschichten tabu bleiben soll. Vier Probebohrungen bundesweit dürfen die Länder erlauben - oder versagen. Löwer: „So werden Investitionen in die Zukunft der Erdgasförderung blockiert.“

Und was sagen die Fracking-Gegner?

Sie fordern weiter das Fracking-Komplettverbot. Die Technik, unter Hochdruck ein Gemisch aus Wasser, Chemikalien und Quarzsand in Erdgaslagerstätten zu pumpen, so das Gestein aufzubrechen und Gas freizusetzen, ist ihnen weiter suspekt: „Aus den USA sind erhebliche Verseuchungen des Grundwassers durch Frack-Flüssigkeiten bekannt“, warnt der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU). Da helfe auch nicht, dass in Niedersachsen schon ewig gefrackt werde: „Eine systematische Untersuchung von Fracking-Umweltschäden gab es in Deutschland nie.“

Welche Regionen trifft der Fracking-Beschluss konkret?

Niedersachsen als Hauptförderland trifft er aus Industriesicht im Guten wie im Schlechten: Die Kasseler Wintershall (78 Fracs seit 1974) kann die Gasbohrung Düste Z10 bei Barnstorf (Landkreis Diepholz) wieder in Gang bringen - ganz fix geht das wohl nicht. Andererseits werden auch die größten Schiefergaspotenziale im Niedersächsischen Becken vermutet, westlich von Hannover bis nach NRW: Das sind die neuen Tabuzonen. In Niedersachsen hat Wintershall hier nach eigenen Angaben keine Suchprojekte, in NRW schon (Grafik). Die dürften nun hängen.

Wie sieht’s in Nordhessen aus?

Entspannt, weil die Landesregierung 2013 angesichts breiter Proteste nicht mal die Suche nach Schiefergas gestattete. Von den kanadischen Antragsstellern hat man nichts mehr gehört, neue Anträge wären nun ohnehin witzlos.

Den Kompromiss in Berlin soll Druck aus Hannover gebracht haben. Stimmt das?

Kann man so sehen: In Niedersachsen hängen laut Branchenangaben 16 000 Arbeitsplätze am Gasgeschäft. Kurzarbeit und größere Entlassungen gibt es schon. Schiefergas-Fracking, sagt Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD), sei seit 2014 verboten. Die ruhenden Anträge auf Sandsteingas-Fracking aber hätte die Industrie jederzeit einklagen können. Geltendes Bergrecht erlaube sie. Niedersachsen habe für neue, strenge Umweltstandards gesorgt.

Was macht Schiefergas-Fracking im Rest Europas?

Verbote oder Moratorien gab es nach Recherchen der Deutschen Welle 2015 in Holland, Frankreich, Bulgarien, Tschechien, Schottland, Wales und Teilen Spaniens.

Und Erdbeben, die manche dem Fracking anlasten?

Beben erschüttern Niedersachsens Gasregion regelmäßig, egal ob gefrackt wird oder nicht, das jüngste Ende Mai in Bothel nahe Rotenburg/Wümme. Zusammenhänge zur Gasförderung nennt die Landesregierung wahrscheinlich. Zur Bergschaden-Regulierung wurde 2014 eine Schlichtungsstelle eröffnet. Was gerade Menschen in Bothel aber mehr ängstigt, sind punktuell auffällig erhöhte Krebsraten in der Region. Selbst Ärzte haben das Erdgas im Verdacht. Das Krebsregister Niedersachsen sucht Ursachen. „Wir sind nicht verantwortlich“, ließ Exxon-Mobil, Gasförderer vor Ort, laut NDR vorab schon mal wissen.

Rubriklistenbild: © dpa

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