Vor allem ältere Menschen betroffen

Unfallzahlen mit Elektrofahrrädern steigen rasant an

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Mit Rückenwind: Vor allem ältere Menschen schätzen die Motorunterstützung bei Elektrofahrrädern. Gerade im Gefälle haben ungeübte Fahrer aber oft Probleme, das Rad zu steuern.

Mehr Schub, mehr Risiko: Im hohen Alter noch Fahrad fahren? Für viele Senioren war das lange undenkbar. Viel zu anstrengend, viel zu beschwerlich. Doch mit dem Aufkommen des Elektrofahrrads entdecken viele Ältere das Radeln für sich neu.

Allerdings bauen sie mit den motorunterstützten Rädern immer öfter Unfälle - inzwischen ist jeder zehnte getötete Fahrradfahrer mit einem Elektrorad unterwegs, ein Großteil davon im Rentenalter.

Für das Jahr 2014 weist die bundesweite Verkehrsstatistik 2300 Unfälle mit Elektrorädern aus. Dabei kamen 39 Menschen ums Leben - 32 waren älter als 64 Jahre. Die Dunkelziffer liegt Experten zufolge weitaus höher, da Unfälle ohne weitere Beteiligte nur selten der Polizei gemeldet werden. Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer, geht davon aus, dass die Unfallzahlen weiter steigen werden: „Wenn immer mehr Ältere sich ein Elektrorad zulegen, wird es zwangsläufig auch mehr Unfälle geben“.

Elektroräder sind für ältere Menschen besonders attraktiv, weil ein Elektromotor das Treten in die Pedale unterstützt. Mit dem zusätzlichen Schub kommen allerdings nicht alle Fahrer zurecht. „Vor allem im Gefälle haben ältere Menschen, die lange nicht mehr Fahrrad gefahren sind, Probleme, das Rad zu beherrschen“, sagt Brockmann. Gerät das Rad außer Kontrolle, kommt es oft zum Sturz - auch, weil Elektroräder rund zehn Kilogramm schwerer sind als herkömmliche Räder.

Roland Huhn, Sicherheitsexperte des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), empfiehlt deshalb, bei einem Fachhändler vorab eine Probefahrt zu machen: „Wichtig ist, sich mit dem ungewohnten Fahr- und Bremsverhalten vertraut zu machen.“

Allein im vergangenen Jahr sind in Deutschland 535 000 Elektroräder verkauft worden, das entspricht einem Marktanteil von 12,5 Prozent. Zum Vergleich: 2009 wurden bundesweit 150 000 E-Räder verkauft (Marktanteil: vier Prozent). Roland Huhn geht davon aus, dass hierzulande schon jetzt mindestens zwei Millionen Elektrofahrräder unterwegs sind - Tendenz steigend. Die mit Abstand beliebtesten Elektroräder sind Pedelecs. Fachhändler verkaufen solche Räder zwischen 1500 und 3000 Euro - und sprechen gezielt ältere Menschen an. „Der typische Pedelec-Fahrer ist männlich und älter als 60 Jahre“, sagt Huhn.

Das vergleichsweise hohe Durchschnittsalter gilt als weiterer Grund für die erhöhten Zahlen in der Unfallstatistik. „Ältere Menschen sind körperlich oft nicht mehr so fit und tragen bei einem Sturz einfach schwerere Verletzungen davon als jüngere“, sagt Huhn.

Vor allem dann, wenn beim Ausflug ein Elektromotor für zusätzlichen Schub sorgt.

Unfallzahlen in Hessen

In Hessen hat die Polizei im vergangenen Jahr insgesamt 4394 Fahrradunfälle protokolliert, dabei starben 14 Menschen. Der Verkehrsbericht des Landespolizeipräsidiums weist die Unfallzahlen mit Elektrofahrrädern gesondert aus. Demnach ereigneten sich im vergangenen Jahr 206 Unfälle mit Pedelecs und E-Bikes, davon 87 in der Altersgruppe der über 64-Jährigen. Zwei Menschen über 64 Jahren starben. Im Vorjahr waren es noch 131 Unfälle (kein Toter). Elektroräder vom Typ S-Pedelec werden statistisch nicht extra erfasst - haben allerdings auch nur etwa zwei Prozent Marktanteil.

Unfallzahlen in Niedersachsen

In Niedersachsen hat die Polizei 2015 insgesamt 10 892 Fahrradunfälle protokolliert. 50 Menschen starben. Das Innenministerium weist die Unfallzahlen mit Pedelecs und E-Bikes gesondert aus. Demnach ereigneten sich mit Pedelcs 390 Unfälle, davon 194 in der Altergruppe der über 64-Jährigen. Fünf Menschen starben. Im Vorjahr waren es noch 280 Unfälle, davon 130 mit über 64-Jährigen (vier Tote). Auf E-Bikes entfallen 131 Unfälle. An 59 Unfällen waren Menschen über 64 Jahren beteiligt (ein Toter). Für 2014 weist die Statistik 116 Unfälle aus, davon 58 mit Menschen über 64 Jahren (kein Toter).

ABC des Elektrofahrrads

Wer Elektrofahrräder meint, spricht oft von E-Bikes. Doch das ist nur bedingt richtig. Der Gesetzgeber unterscheidet zwischen drei Elektrofahrrad-Typen.

Pedelecs 

• Bei Pedelecs (Pedal Electric Cycles) unterstützt ein Elektromotor mit maximal 250 Watt den Fahrer während des Tretens – allerdings nur bis Tempo 25.

• Wer schneller fahren will, muss dann alleine in die Pedale treten.

• Pedelecs sind dem Fahrrad rechtlich gleichgestellt.

• Pedelec-Fahrer brauchen also weder eine Zulassung, noch einen Helm oder einen Führerschein.

• Das gilt auch für Pedelecs mit einer Anfahrhilfe bis 6 km/h.

• 95 Prozent aller verkauften Elektrofahrräder sind Pedelecs.

S-Pedelecs 

• Die schnellen Pedelecs gelten nicht mehr als Fahrräder, sondern als Kleinkrafträder (Mofa).

• Die Räder funktionieren zwar wie ein Pedelec, aber die Motorunterstützung mit maximal 500 Watt wird erst bei Tempo 45 abgeschaltet.

• Fahrer müssen mindestens 16 Jahre alt sein, brauchen einen Führerschein der Klasse AM (im Autoführerschein enthalten) und eine Haftpflichtversicherung inklusvie Kennzeichen (etwa 70 Euro pro Jahr). • Es besteht Helmpflicht.

• Radwege sind tabu.

• Die Alkoholgrenze liegt wie beim Autofahren bei 0,5 Promille (bei Unfall: 0,3 Promille).

E-Bike 

• E-Bikes im engeren Sinn sind mit Elektromofas vergleichbar.

• Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 20 Stundenkilometern, die maximale Motorleistung bei 500 Watt.

• Muskelkraft ist nicht nötig.

• Es gelten die gesetzlichen Vorgaben wie bei S-Pedelecs.

• Eine Helmpflicht besteht nicht.

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