Diener des Rechts leben gefährlich

Sie urteilt gegen Banden und Islamisten: Richterin erhält Drohungen im Internet

Zieht Hass von Verbrechern auf sich: Richterin Barbara Havliza (58) – hier in einem Gerichtssaal in Düsseldorf. Foto: dpa

Düsseldorf. Enthauptungsvideos und verschlüsselte Morddrohungen gehören zu ihrem Alltag: Barbara Havliza hat einen der härtesten Jobs in der deutschen Justiz.

Seit Jahren sitzt die Vorsitzende Richterin am 6. Strafsenat für Staatsschutzsachen des Oberlandesgerichts Düsseldorf (OLG) radikalen Wirrköpfen gegenüber – sowohl aus der rechtsextremen als auch aus der islamistischen Szene. Im vergangenen Juli hatte sie zuletzt 14 Jahre Haft für den Attentäter verhängt, der die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) fast umgebracht hatte. Am Montag gibt die gestandene Juristin im Hochsicherheitstrakt des OLG einen seltenen Einblick in ihr Seelenleben: „Das Grauen, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen, bleibt niemandem in der Robe sitzen.“

NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) lud Medienvertreter in das Gericht, um den Prozessstandort kennenzulernen. Unvermittelt flimmern verwackelte Kamera-Sequenzen über zwei Leinwände des nüchternen Gerichtssaals: Schwenks über Dutzende tote junge Männer in sandigem Gelände. Die Leichen werden getreten und malträtiert. „Dreck!“, kommentiert in dem Propaganda-Video eine deutsche Stimme das aus seiner Sicht verdiente Schicksal der „Ungläubigen“.

„Da gehen Sie nicht nach Hause und haben das vergessen“, sagt Havliza. „Das kann man nicht vergessen, wenn lebendigen Leuten die Köpfe abgeschnitten werden.“

Im März hatte die 58-Jährige einen IS-Terroristen aus Dinslaken zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Er hatte in Syrien als Helfer islamistischer Henker sein Unwesen getrieben. Als Justitias menschliches Gesicht ziehen die Richter den Hass der „Gotteskrieger“ auf sich. „Wir sind für manche Angeklagte ein Feindbild“, berichtet Havliza. Im anonymisierten Schattenreich des Internets, dem Darknet, gebe es Aufrufe, die sie nur als Morddrohungen verstehen könne. Die Konsequenz: Richter, die sich dieser Gefahr aussetzen, müssen häufig ihr Zuhause sicherheitstechnisch aufrüsten.

Islamisten-Hochburg NRW 

Dabei brauchen die inzwischen in drei Staatsschutzsenaten arbeitenden 22 Richter in Düsseldorf jede Unterstützung. „Nordrhein-Westfalen ist eine Islamisten-Hochburg“, stellt Havliza fest. Mit weiter steigenden Fallzahlen müsse gerechnet werden. Ihr nächster Fall wird am 6. September Salafisten-Prediger Sven Lau sein, der unter anderem die Wuppertaler „Scharia-Polizei“ initiiert haben und für eine syrische Terrorgruppe aktiv gewesen sein soll.

Den Staat kosten die aufwendigen Prozesse und die damit verbundenen Sicherheitsmaßnahmen jedes Jahr Millionen. Allein die Dolmetscherkosten könnten sich auf mehrere 10 000 Euro am Tag belaufen, berichtet Kutschaty. Manchmal schöpft Richterin Havliza einen Funken Hoffnung, dass die jungen Angeklagten und ihre verblendeten Kumpane erkennen, wohin ihre Verrohungsfantasien führen. Illusionen hat sie aber nicht: „Einen zutiefst überzeugten Täter erreiche ich nicht.“ (dpa)

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