Bergmanns-Witwe einigt sich mit Eon

28 Jahre nach Gruben-Katastrophe von Borken: Vergleich im Stolzenbach-Streit

Grubenunglück in Stolzenbach 1988: Retter kommen aus der zerstörten Grube. Archivfoto: Cillari

Kassel/Borken. 28 Jahre nach dem Grubenunglück von Borken (Schwalm-Eder) mit 51 Toten hat eine Bergarbeiter-Witwe ihren Rechtsstreit mit dem Energiekonzern Eon beigelegt. Die Parteien hätten sich vor einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Frankfurt (OLG) auf einen Vergleich geeinigt, so das Gericht gestern auf seiner Internetseite.

Die Bergmanns-Witwe hatte ihren Ehemann bei dem Unglück verloren. Sie forderte in dem Berufungsverfahren vor der Kasseler OLG-Außenstelle von Eon als Rechtsnachfolger des damaligen Bergwerkbetreibers Preussen-Elektra 6000 Euro Schmerzensgeld. Das Landgericht Kassel hatte die Klage der Frau 2014 abgewiesen, wogegen sie Berufung einlegte. Zum Inhalt des Vergleichs könne aus datenschutzrechtlichen Gründen keine Auskunft erteilt werden, teilte das OLG weiter mit.

Bei dem Grubenunglück am 1. Juni 1988 waren in Borken 51 Kumpel ums Leben gekommen. Eine Kohlenstaubexplosion hatte die Grube Stolzenbach erschüttert. Fast alle Arbeiter starben an giftigen Gasen. Drei Tage später wurden sechs Bergleute aus 150 Metern Tiefe aus einer Luftblase gerettet. Die Explosion bedeutete das Ende des Bergbaus in Borken.

Aus strafrechtlicher Sicht ist der Fall längst verjährt. Die Kasseler Staatsanwaltschaft legte den Fall nach 16 Monaten im Oktober 1989 zu den Akten. Die Anklagebehörde ging von einem tragischen Unglück aus, fand kein strafbares Vergehen oder Tatverdächtige.

Lesen Sie auch: 28 Jahre Stolzenbacher Grubenunglück: Die Suche nach der Wahrheit

Fast drei Jahrzehnte hatten Angehörige der Opfer vor Gericht über die Schuldfrage gestritten und eine Neubewertung gefordert. Der Ansatz der Zivilklage im Juli 2009: Ein bergmännisches Gutachten von 1967, das 2008 aus Behördenarchiven auftauchte, hatte lange vor der Katastrophe in Borken vor Gefahren gewarnt, die zünd- und explosionsfähiger Braunkohlenstaub birgt, zumal wenn der Sprengstoff Donarit 1 benutzt wird – wie am Unglückstag in Stolzenbach. Dieses Papier kannten die Kasseler Staatsanwälte offenbar nicht. Auch nicht weitere Spuren und Akten teils sogar zu anderen Grubenunglücken, die nach Recherchen des Hessischen Rundfunks Fragezeichen hinter Sicherheitsstandards in Stolzenbach setzen.

Das Schmerzensgeld-Verfahren, so Überlegungen auf Klägerseite, sollte Fahrlässigkeiten und Verschulden beim Bergwerksleiter und den Grubenbetreibern gerichtlich benennen. „Es geht nicht ums Geld“, sagte die Bergmanns-Witwe im April. Vielmehr müsse „Licht ins Dunkel“ der Stolzenbach-Katastrophe gebracht werden, hatte sie schon 2014 gefordert.

Ob das mit dem jetzt geschlossenen Vergleich ganz oder in Spuren erreicht ist, bleibt offen. Der Anwalt der Klägerin will vor möglichen Äußerungen die Kostenentscheidungen des OLG abwarten. (mit dpa)

Von Wolfgang Riek und Claudia Bonati

Schlagworte zu diesem Artikel

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.