Schwäche kann politisch gefährlich werden

Viele Politiker machen trotz Krankheit immer weiter

+
Wolfgang Schäuble (73/CDU): Urgestein der deutschen Politik, sitzt seit einem Attentat im Rollstuhl. 

Berlin. Über die Fitness von deutschen Spitzenpolitikern wird wenig geredet. Für den Weg ins Amt ist auch kein ärztliches Bulletin nötig - das ist Privatsache.

Ihr Schwächeanfall und die Geheimniskrämerei um ihren Gesundheitszustand könnte Hillary Clinton die US-Präsidentschaft kosten. Sexskandale, Probleme mit der Steuer oder Kiffen in jungen Jahren - das alles verzeiht der amerikanische Wähler noch. Aber offenbar will er niemanden im Weißen Haus sehen, der nicht topfit ist.

Politik in höchsten Sphären kann äußerst brutal sein, schon wegen des Terminstresses und der andauernden Übermüdung. Bei dem einen rebelliert der Körper, wie beim damaligen SPD-Chef Franz Müntefering, der 2005 bei einer Wahlkampfveranstaltung zusammenbrach. Bei dem anderen nicht. Wie bei Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Als sie auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise einen Reisemarathon zwischen Kiew, Moskau, Washington und Minsk absolvierte, wurde sie dafür bewundert: Wie schafft sie das? Merkels Antwort: „Ich habe gewisse kamelartige Fähigkeiten. Ich habe eine gewisse Speicherfähigkeit. Aber dann muss ich mal wieder auftanken.“

Malu Dreyer (55/SPD): Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin leidet an der Krankheit Multiple Sklerose.

Für Malu Dreyer (SPD) gilt das auch. Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin ist an Multiple Sklerose (MS) erkrankt. Im rheinland-pfälzischen Wahlkampf Anfang des Jahres spielte das aber so gut wie keine Rolle. Wobei Politiker oftmals auch nur die Zähne zusammenbeißen, um keine Schwäche zu zeigen. Denn Schwäche macht angreifbar, wie Clinton gerade erlebt. Horst Seehofer (CSU) glaubt das offenbar auch. Wegen Stress und Überarbeitung verschleppte der bayerische Ministerpräsident 2001 eine Viruserkrankung und sprang dem Tod nur knapp von der Schippe.

Schwäche kann politisch gefährlich werden. Siehe USA. In Bayern derzeit ebenso, weil im Hintergrund heftig um Seehofers Nachfolge gerangelt wird.

Viele Politiker quälen sich allerdings auch deshalb weiter, weil sie sich für unverzichtbar halten. Politik als Droge. Seehofer ist so ein Fall. Wolfgang Schäuble (CDU) auch. Bei ihm kommt hinzu, dass die Kanzlerin auf ihn nicht verzichten will. 2010 habe er Merkel wegen einer schweren Erkrankung den Rücktritt angeboten, gestand der auf den Rollstuhl angewiesene Finanzminister einmal. Sie lehnte ab.

Trotz all der Krankengeschichten, die dann doch bekannt werden: Im Vergleich zu den USA nehmen in Deutschland auch die Medien viel mehr Rücksicht auf die Privatsphäre der Volksvertreter, wozu der Gesundheitszustand gehört.

Gregor Gysi (68/Linke) sprach offen über seine Herzinfarkte.

Manche prominente Politiker erzählen auch freimütig über ihre Krankheiten: Gregor Gysi (zwei Herzinfarkte, eine Kopf-OP) zum Beispiel, Oskar Lafontaine und Wolfgang Bosbach (beide Krebs). Ist die Wahrheit erst raus, wird man meist in Ruhe gelassen.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.