Nach Aufnahmen von Tierschützern

Vorwürfe an Bauernlobby: Schweine in schlimmem Zustand

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Artgerechte Tierhaltung: So wie dieses Mutterschwein mit seinen Ferkeln leben heute nur wenige Tiere. Selbst Funktionäre deutscher Landwirtschaftsverbände sollen gegen Tierhaltungsvorschriften verstoßen haben.

Verletzte Schweine mit klaffenden Wunden, blutigen, abgebissenen Schwänzen und vereiterten Augen, brutales Töten von Ferkeln und verdreckte Puten, die sich gegenseitig schwere Wunden zufügen - Aufnahmen der Tierschutzorganisation Animal Rights Watch (Ariwa), die das ARD-Magazin Panorama am Donnerstag zeigte, dokumentieren schlimme Missstände in deutschen Ställen.

Das Pikante: Die Bilder entstanden unter anderem im Mastbetrieb des Vorsitzenden des Zentralverbandes der Deutschen Schweineproduktion, Paul Hegemann. Sie wurden im Jahr 2015 über mehrere Monate heimlich gedreht. Vorwürfe gibt es auch gegen den CDU-Bundestagsabgeordneten Johannes Röring, der auch Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes (WLV) ist.

Für den Veterinärwissenschaftler Matthias Gauly von der Universität Bozen sind die gezeigten Zustände strafrechtlich relevant. Er nannte sie gegenüber Panorama absolut schockierend und abstoßend. Er kritisierte auch katastrophale hygienische Bedingungen in den Ställen.

Die Berliner Fachtierärztin Diana Plange, vereidigte Sachverständige für Tierschutzfragen, erklärte: „Ich bin einiges gewöhnt, aber das ist wirklich entsetzlich“. Das Leid der Tiere über einen längeren Zeitraum sei vermeidbar gewesen.

Hegemann ließ mitteilen: „Grundsätzlich bedauern wir das Entstehen solcher Bilder, die es in einer tierwohlgerechten Schweinehaltung zu vermeiden gilt“. Die Verletzungen seien durch Kannibalismus oder Infektionen entstanden. Die Schweine seien von Tierärzten behandelt worden.

Röring erklärte, es sei „nichts zu sehen, was einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz darstellen könnte“. Er warf der Tierschutzorganisation vor, kurz vor den Aufnahmen Kadaver bewusst platziert zu haben, um sie zu fotografieren. Ariwa wies das entschieden zurück.

Der Deutsche Bauernverband nannte es nicht akzeptabel, dass Ariwa Videomaterial aus „Stalleinbrüchen“ verwende. Das Bildmaterial sei unter dubiosen Umständen zustande gekommen.

Tierschützern wird von Landwirtschaftsverbänden oft vorgeworfen, Einzelfälle aufzubauschen und schwarze Schafe an die Öffentlichkeit zu zerren. Korrekt arbeitende Betriebe würden so zu Unrecht in Misskredit gebracht.

Erasmus Müller von Animal Rights Watch erklärte dazu, die Aufnahmen sollen eine gesellschaftliche Debatte auslösen. Verbraucher sollten sich fragen, ob sie ein „derart bestialisches Tierleid“ unterstützen wollten.

Hintergrund: Lebensmittel oft von kranken Tieren

Lebensmittel mit tierischen Zutaten stammen oft von kranken Nutztieren. Das erklärte die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch nach der Auswertung mehrerer wissenschaftlicher Studien. Danach mache jede zweite Milchkuh mindestens einmal im Jahr haltungsbedingte Krankheiten durch, die größtenteils vermeidbar seien. Etwa jeder zehnte Liter Milch stamme von Kühen mit entzündeten Eutern.

Auch statistisch jedes zweite Schwein, so die Verbraucherschützer weiter, leide an Krankheiten, die auf nicht artgerechte Haltung zurückzuführen sei. Vier von zehn Eiern würden von Hennen mit Knochenbrüchen gelegt.

Allerdings sei das, so Matthias Wolfschmidt von Foodwatch, aufgrund des strengen gesundheitlichen Verbraucherschutzes für die Kunden ungefährlich.

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