Wichtige Fragen und die Antworten darauf

Darum ist der leichtfertige Umgang mit Antibiotika so gefährlich

Kassel / Göttingen. Viele Menschen glauben, dass Antibiotika bei jedem Wehwehchen helfen. Doch das ist ein fataler Irrtum.

Die Deutschen nehmen weiterhin zu viel dieser hoch wirksamen Medikamente, stellt die gesetzliche Krankenkasse DAK in einer am Dienstag vorgestellten Studie fest. Danach waren fast 30 Prozent der Antibiotika-Verschreibungen fragwürdig – und können mehr schaden als nutzen. Für die Patienten kann das gefährliche Folgen haben. Wichtige Fragen und die Antworten darauf:

Wann werden Antibiotika eingesetzt? 

Gegen Infektionen, die durch Bakterien verursacht werden, zum Beispiel eine Lungen- oder eine Blasenentzündung. Wenn die Krankheit durch Viren ausgelöst wird, sind sie wirkungslos.

Wie reagieren Bakterien auf häufige Antibiotika-Gaben? 

Sie entwickeln so genannte Resistenzen, also Widerstandskraft. Je öfter Antibiotika gegeben werden, desto schlimmer wird dieses Problem, denn gerade die widerstandsfähigen Keime überleben und vermehren sich unter der Gabe von Antibiotika. „Schon eine einmalige Antibiotika-Gabe kann dazu führen, dass sich die Erreger verändern“, sagt Dr. Simone Scheithauer, Leiterin der Stabsstelle Krankenhaushygiene und Infektiologie an der Universitätsklinik Göttingen.

Wie gefährlich sind diese resistenten Keime? 

Vor allem Krankenhäuser kämpfen gegen multiresistente Erreger, die mehreren Antibiotika widerstehen. Nach Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums infizieren sich jährlich 400 000 bis 600 000 Menschen in Kliniken, bis zu 15 000 Patienten sterben daran,

Trotzdem werden Antibiotika laut DAK oft unnötig eingesetzt. Woran liegt das?

Häufig verschreiben Ärzte laut DAK Antibiotika, weil sie vom Patienten verlangt werden, obwohl sie wissen, dass das Medikament nur eine beruhigende Wirkung hat, aber nicht heilt – etwa bei Erkältungen. Für Scheithauer liegt das Problem jedoch bereits in der ärztlichen Ausbildung: „Infektiologie wird in den unterschiedlichen Teilbereichen der Medizin gelehrt, nicht aber in Form einer Systematik. Die Studieninhalte sind sicher optimierungsfähig.“

Welche Nebenwirkungen können Antibiotika genau haben? 

Sie sind alles andere als harmlos, sondern können andere Infektionen auslösen. Eine Folge kann zum Beispiel Durchfall sein – und im schlimmsten Fall eine Darmschädigung, die so schwer ist, dass der Darm teilweise entfernt werden muss.

Müssen die Patienten besser informiert werden?

Hier geht es zur DAK-Studie

Das ist sicher sinnvoll. Doch „wir haben kein Informationsdefizit, sondern eine Informationsüberflutung“, so Scheithauer. Hier sei in erster Linie der Hausarzt gefragt: „Er darf sich dem Patientenwunsch nicht beugen, wenn dies medizinisch nicht sinnvoll ist.“

Sind Reserveantibiotika die Rettung – Substanzen, die dann wirken, wenn andere Antibiotika versagen?

Es gibt diese Mittel zwar, aber „der unsachgemäße Einsatz betrifft nahezu alle Substanzen“, sagt Scheithauer. Und das gilt nicht nur für den Einsatz in der Humanmedizin, sondern auch für die Tiermast: „Jedes Ferkel bekommt heute eines der Reserve-Antibiotika.“

Wie werden Antibiotika in der Tiermast eingesetzt? 

Nach Zahlen des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wurden 2012 an Tierärzte 1619 Tonnen Antibiotika abgegeben Das meiste davon ist für Nutztiere wie Hühner, Schweine oder Rinder bestimmt. Laut DAK wurden dabei zwei Tonnen mehr Fluorchinolone abgegeben als 2011, Der Wirkstoff gilt als wichtiges Reserve-Antibiotikum.

Von Barbara Will

Mehr zum Thema lesen Sie am Mittwoch in der gedruckten Ausgabe.

RadioHNA-Interview: Darum ist der leichtfertige Umgang mit Antibiotika so gefährlich

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken, um Missbrauch zu vermeiden.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.