Zu wenig Resonanz: Landtag schaltet Facebook ab

Zu wenig Resonanz auf Facebook: Der Landtag stellte seine Aktivitäten ein. Fotos: dpa

Verwaltung nimmt Soziales Netzwerk nach Testphase außer Betrieb. Politberater und Oppositionsparteien halten das für einen Fehler.

Wiesbaden. Sinkende Wahlbeteiligung, Nachwuchsmangel an der Parteibasis, Politikverdrossenheit. Wie bringt man junge Menschen dazu, sich für Politik zu interessieren? Ein Ansatz sind soziale Netzwerke. Das hat auch der Hessische Landtag mit einer Facebookseite versucht - und das Projekt nach kurzer Zeit wieder eingestellt. Ein Fehler, meinen nicht nur die Oppositionsparteien. Zuerst hatte die Hessenschau darüber berichtet.

Im Mai startete der Facebookversuch der Onlineredaktion des Landtages. „Wir wollten austesten, wie viele Menschen wir darüber erreichen können“, sagt Pressesprecher Pascal Schnitzler. Die Herausforderung: Der Landtag ist Sitz des Parlaments mit dem Präsidenten - sprich eine Verwaltung. Wirklich spannende Dinge, die öffentlichkeitswirksam präsentiert werden können, passieren dort kaum. 1500 Fans drückten dennoch den „Gefällt Mir“-Button und abonnierten so die News.

Jetzt das Aus - zu wenig Resonanz. Der Politikberater und Blogger Martin Fuchs (36) hält das für einen Fehler. In Zeiten, in denen Bündnisse wie Pegida und rechtskonservative Parteien wie die AfD die sozialen Medien professionell nutzten, um ihre Inhalte zu verbreiten, sei es wichtig, dass der Landtag dort vertreten sei. Er habe die Aufgabe, Demokratie zu erklären und die Möglichkeiten, Infos für die Nutzer möglichst objektiv aufzubereiten. Fraktionen konzentrierten sich dagegen in Sozialen Netzwerken darauf, ihre Agenda zu verbreiten.

Zudem verzeichnete die Seite ein relativ schnelles Wachstum an Fans. Mit 1500 Fans lag der Landtag immerhin auf dem zweiten Platz der Landtage und Bürgerschaften mit Facebookseiten (Hamburgische Bürgerschaft: 3166).

Die Informationssuche habe sich gewandelt: Bei der Bundestagswahl 2013 suchten 55 Prozent der bis 29-Jährigen ihre Informationen zur Wahl über Social Media, sagt Fuchs. Aus der Sicht des Politikberaters ist es wichtig, dass auch Verwaltungen wie der Landtag präsent sind, um zu zeigen, wie dort Arbeit und Leben aussehen. Seine Kritik: Es habe kein Konzept gegeben, wie man junge Leute ansprechen wollte. „Zum Beispiel hätte der Landtagspräsident vor Plenarsitzungen im Video die Highlights der Tagesordnung erklären können“, sagt Fuchs.

Das räumt auch Landtagssprecher Schnitzler ein: Es müsste erst ein Profil entwickelt werden. Derzeit sieht es aber nicht nach Neuauflage der Seite aus. Für die SPD und FDP passt das ins Bild. Erst wurde der Livestream abgeschafft, jetzt sei auch noch Facebook eingestellt worden.

Das sagen Abgeordnete

Lena Arnoldt (CDU, 33): Die Landesregierung habe fast 11.000 Fans auf Facebook, über 4000 Follower auf Twitter und der YouTube-Kanal der Landesregierung habe über 66.000 Abrufe, sagte Arnoldt. Das könne sich sehen lassen.

Angela Dorn (Grüne, 33): Dass manche Menschen sich nicht für Politik interessierten, sei nicht unbedingt eine Altersfrage, meint Dorn, aber es sei eine Herausforderung. Sie erlebe viele interessierte Jugendgruppen, die kenntnisreich mitdiskutieren. Ihre Partei sieht sie mit Verweis auf die zahlreichen Facebook- und Twitteraccounts gut vertreten. Soziale Medien gehörten zu einer erlebbaren Politik dazu.

Timon Gremmels (SPD, 39): Eine Social-Media-Strategie des Landtags sei nicht erkennbar. Erst den Live-Stream abzuschaffen und durch Video-Mitschnitte zu ersetzen, sei nicht zeitgemäß, sagte Gremmels. Dann werde auch noch der Facebook-Auftritt wegen mangelnder Zugriffe eingestellt. Für Landtagspräsident Norbert Kartmann (CDU) schienen neue Medien eher eine lästige Spielerei zu sein, sagte Gremmels.

Florian Rentsch (FDP, 40): Man könne nicht erkennen, dass es seitens der Landesregierung eine vollständige Strategie gebe, sagte Rentsch. Eine gute neue Internetseite sei für eine Social Media Strategie zu wenig. Es komme erschwerend hinzu, dass einige herausragende Protagonisten keinen Kontakt zu Social Media Themen hätten.

Die Linke gab bis Redaktionsschluss keine Antwort.

Social Media

Die folgende Übersicht zeigt, wer auf Social Media (Facebookabonnenten und, wenn vorhanden, Twitterfollower zusammengerechnet) bei den Landtagsabgeordneten in Hessen vorne liegt:

1. Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD, 32 614)

2. Volker Bouffier (CDU, 18 536)

3. Tarek Al-Wazir (Grüne, 8647)

4. Janine Wissler (Die Linke, 6653)

5. Peter Beuth (CDU, 5344)

Quelle: pluragraph.de, ein Seite, die Blogger Martin Fuchs betreibt.

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