Nur ausgewählte Lebensmittel, alles genauestens berechnet

Wenn Essen zur Ideologie wird: Grenze zu krankhaftem Verhalten liegt nah

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Nur ein wenig Brokkoli? Wenn das normalste der Welt zum Problem wird, kann vernünftiges Verhalten krankhaft werden.

Andernach. Besessen von gesundem Essen, genauer gesagt von der Idee, sich gesund, vielleicht sogar moralisch gut zu ernähren.

Menschen mit diesem sogenannten orthorektischen Essverhalten erreichen oft genau das Gegenteil. Orthorexia nervosa, so der Fachbegriff für eine Essstörung, bei der Betroffene sich ausgeprägt danach sehnen, sich möglichst „gesund“ zu ernähren, ist zwar kein anerkanntes Krankheitsbild.

Aber, so sagt Christa Roth-Sackenheim, Vorsitzende des Berufsverbandes Deutscher Psychiater (BVDP): „Orthorexie ist gleichzusetzen mit einer krankheitswertigen Störung, die nicht zu verwechseln ist mit gesunder Ernährung an sich. Vielmehr handelt es sich um ein zwanghaftes Beschäftigen mit vermeintlich gesundem Essen.“ Und: „Betroffene stellen teils sehr bizarre Regeln auf, was für sie als gesund gilt. Der Fantasie sind dabei im Grunde keine Grenzen gesetzt.“

Auch wenn Orthorexie seit etwas mehr als 15 Jahren in der wissenschaftlichen Literatur beschrieben wird, gibt es bisher kaum gesicherte Forschungsergebnisse. Fest steht: während bei Magersucht oder Bulimie die Menge, der verzehrten Lebensmittel im Mittelpunkt steht, ist bei orthorektischem Essverhalten die Qualität, also die Auswahl an bestimmten Nahrungsmitteln im Fokus.

Orthorexie kann Einstieg in eine Essstörung sein, sagt Prof. Anette Kersting, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universität Leipzig. „Orthorektisches Essverhalten ist ein Risikofaktor für Anorexie (Magersucht) oder Bulimie (Ess-/Brechsucht). Untersuchungen zeigen, dass entsprechendes Essverhalten häufig zu Beginn oder nach einer behandelten Essstörung auftritt.“

Betroffen sind vor allem junge Frauen. Christa Roth-Sackenheim sagt: „Häufig ist Orthorexie ein Nebensymptom einer Depression oder Angststörung. Das veränderte Essverhalten wird genutzt, um dem Gefühl der Sinnentleerung oder des Kontrollverlustes im eigenen Leben entgegenzuwirken.“

Behandlungsbedürftig ist Orthorexie, wenn es zu körperlichen oder auch sozialen Beeinträchtigungen durch das veränderte Essverhalten kommt oder die Betroffenen darunter leiden. Allerdings: „Wie auch bei Anorexie-Patienten gibt es bei Orthorexie wenig Einsicht, dass das eigene Essverhalten schädlich ist“, sagt Kersting.

Die ideologische Komponente von Orthorexie erschwert eine erfolgreiche Behandlung. Kersting appelliert an Familie und Freunde von gefährdeten Personen: „Der Übergang von gesunder Ernährung als Tugend zum krankhaften Verhalten ist fließend. Betroffene können das selbst nur schwer beurteilen. Hier ist auch das Umfeld gefragt, aufmerksam zu sein.“

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