"Wer Ditib in die Schulen steckt, steckt Erdogan in die Schulen"

Verfolgt und umstritten: Die Bewegung von Fethullah Gülen (Bild) wird in der Türkei beschuldigt, den Putsch mitinitiiert zu haben und wird auch in Deutschland kritisch gesehen. Foto: dpa

Für den türkischen Staatspräsidenten Erdogan war die Gülen-Bewegung am Putsch beteiligt - sie weist das zurück. Die Bewegung ist auch hierzulande aktiv, wird teils kritisch beäugt. Wir sprachen darüber mit dem Leiter einer Gülen-nahen Stiftung.

Herr Karakoyun: Grünen-Chef Cem Özdemir fordert die Gülen-Bewegung in Deutschland auf, deutlich zu machen, was sie ist - missionarisches Karrierenetzwerk oder eine islamistisch-politische und damit letztlich radikale Bewegung. Was ist die Gülen-Bewegung nun?

Ercan Karakoyun: Ich würde sie als eine muslimische Bildungsbewegung betrachten, die weltweit versucht, sich für säkulare Bildung und die interreligiöse Verständigung einzusetzen.

Die Gülen-Bewegung wird auch als Hizmet-Bewegung bezeichnet. Was bedeutet dieser Begriff?

Karakoyun: Wir benutzen den Begriff Hizmet lieber, denn Hizmet steht für das, was wir wollen: Engagement. So wird das Wort auch in türkischer Sprache übersetzt.

Kritiker sagen, die Schulen, Kitas und Dialogabende seien nur ein Teil der Bewegung - die andere Seite seien private Wohngemeinschaften. Dort lebten Studenten, die ihr Leben nach den Lehren ausrichten. Aussteiger sollen von einer Sekte sprechen.

Karakoyun: Hizmet ist in unterschiedlichen Bereichen aktiv - zum Beispiel im Aufbau von Wirtschaftsnetzwerken und -vereinen. Daneben ist Hizmet daran interessiert, das eigene Religionsverständnis weiterzuvermitteln. Das geschieht zum Beispiel in den Gesprächskreisen. In den privaten Wohngemeinschaften wohnen junge Muslime, die mit Hizmet sympathisieren.

Also keine Sekte?

Karakoyun: Das ist absurd. Eine Organisation, die so stark den Dialog mit Andersdenkenden sucht und auf Bildung setzt, sich kritisch mit dem eigenen Glauben auseinandersetzt und versucht, den Koran zeitgemäß zu interpretieren, ist alles andere als eine Sekte.

Was ist mit der Kritik an der mangelnden Transparenz?

Karakoyun: Ich gebe zu, die Organisation von Hizmet ist unübersichtlich. Das ist aber etwas anderes als mangelnde Transparenz. Was bisher fehlte, ist eine gut funktionierende Öffentlichkeitsarbeit. Nicht jeder Nachhilfeverein oder jedes Gymnasium kann eine professionelle Pressearbeit betreiben. Grund für die bisher mangelnde öffentliche Wahrnehmung ist aber auch, dass wir kein islamischer Verband sind. Die waren zuletzt in der Diskussion. Zudem sind wir in der Integrationsdebatte nicht präsent. Denn der Großteil der Hizmet-Bewegung ist gut integriert, hat studiert oder eine Facharbeiterausbildung.

Wie sieht die Lehre von Gülen aus - auch im Bezug auf Trennung von Staat und Religion?

Karakoyun: Gülen steht für einen Islam, der mit der Demokratie vereinbar ist. Er ist klar für eine Trennung von Staat und Islam. Gülen macht sich für eine zeitgemäße Auslegung des Korans stark und nicht die wortwörtliche Befolgung der Worte. Deshalb steht Gülen auch für die Gleichstellung von Mann und Frau.

In Hessen ist der Islamverband Ditib (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) an der Erstellung des Lehrprogramms für den bekenntnisorientierten Islamunterricht an Schulen beteiligt. Wie sehen Sie das?

Karakoyun: Wer Ditib in die Schulen steckt, steckt Erdogan in die Schulen. Davon bin ich überzeugt. Denn die Freitagspredigten, die von Ditib in den letzten zwei Wochen veröffentlicht wurden, sind stark politisiert. Sie sprechen von inneren und äußeren Feinden - die äußeren Feinde sind ganz klar Deutschland und die USA. Das hat in den Schulen nichts verloren und das halte ich für gefährlich.

Warum wird Erdogan von so vielen Menschen in Deutschland verehrt?

Karakoyun: Das ist auch mir ein Rätsel. Ich finde das beängstigend zu sehen, dass Menschen, die hier sozialisiert sind, auf einmal die Todesstrafe fordern. Da muss man sich fragen, was bei der Integration falsch gelaufen ist.

Wer sind die Erdogan-Unterstützer?

Karakoyun: Es sind sicher die Absteiger, die in Deutschland keinen Erfolg haben und Erdogan unterstützen, der jetzt der ganzen Welt zeigt, was für ein starker türkischer Anführer er ist. Er spricht ihnen aus der Seele. Einige sind aber auch nur für zwei, drei Wochen im Jahr in der Türkei und wissen überhaupt nicht, was dort eigentlich passiert.

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