Yozgat-Anwalt zu Vertuschungen: „Eindruck drängt sich auf“

Die Umstände des Mordes an Halit Yozgat im Jahr 2006 sind bis heute nicht geklärt. In Kassel findet heute im Schlachthof eine Diskussion dazu statt. Mit dabei ist der Anwalt der Familie Yozgat, Alexander Kienzle. Er vertritt die Familie im NSU-Prozess. Wir haben ihn interviewt.

Herr Kienzle, wie geht es der Familie Yozgat?

Alexander Kienzle: Die Familie beobachtet das Verfahren in München genau. Trotz des Erkenntnisgewinns herrscht bei ihnen aber auch eine gewisse Ratlosigkeit. Zum Beispiel, wenn Zeugen verhört werden, aber nichts aussagen oder einfach lügen. Ratlos macht sie auch die Verweigerungshaltung mancher, auch hessischer Behörden, wenn es darum geht, den Mord an Halit Yozgat im Jahr 2006 aufzuklären.

Rätselhaft ist die Rolle des Ex-Verfassungsschützers Andreas T., der zur Tatzeit vor Ort gewesen sein könnte. Welche Rolle spielt er?

Kienzle: Am treffendsten ist immer noch das, was uns der damalige Leiter der „Mordkommission Café“ im Prozess berichtet hat: Bis heute gebe es für ihn zwei Ermittlungshypothesen: Entweder habe T. etwas gesehen und verheimliche dies aus unklaren Gründen. Oder aber er sei selbst in die Tat verstrickt. Alle anderen Varianten seien unschlüssig. Das ist die zutreffende Zusammenfassung der vielen Widersprüchlichkeiten und Auffälligkeiten.

Kann es sein, dass er den toten Halit Yozgat auf dem Boden des Internetcafés nicht gesehen hat?

Alexander Kienzle

Kienzle: Es gab 2006 schon die durch eine Blickachsenrekonstruktion untermauerte These, dass das nicht sein könne. Wenn Yozgat schon tot war, als er das Café verließ, muss er aufgrund seiner Größe Einblick auch hinter den Schreibtisch gehabt haben. Dafür spricht auch, dass es T. in dem Video der Tatortrekonstruktion einige Mühe kostete, ein Geldstück auf den Schreibtisch zu legen und dabei nicht hinter den Schreibtisch zu sehen. Seine Arme waren für diese „Rekonstruktion“ eigentlich zu kurz.

Das heißt?

Kienzle: Seine Behauptung bleibt - wie die damaligen Ermittler es ja bis heute auch sehen - vollkommen unglaubhaft.

Vertuscht der Verfassungsschutz etwas?

Kienzle: Um das abschließend zu klären, müsste endlich der Forderung nachgekommen werden, dass der Verfassungsschutz Ermittlungen auch zu dieser Frage zulässt. Weder wurde bislang hierzu Einsicht in die erforderlichen Akten gewährt, noch wurden die Fragen auf anderem Wege beantwortet.

Woran liegt das?

Kienzle: Bis heute gilt die Sperrerklärung vom damaligen Innenminister Volker Bouffier. Eine Ermittlung auch im Bereich der von T. geführten Quellen wurde dadurch unmöglich, eine Überprüfung seiner Angaben konnte nicht stattfinden. Dass sich dann auch noch Anhaltspunkte für ein konspiratives Vorgehen der Verfassungsschutzbeamten aus den Telefonaten ergeben und die Öffentlichkeit bis heute für dumm verkauft wird, macht die Sache nicht einfacher.

Was meinen Sie damit genau?

Kienzle: Welcher Eindruck soll denn allein dadurch entstehen, dass an den Hauptbeschuldigten eines Mordfalls, in diesem Fall Andreas T., von ranghohen Verfassungsschutzmitarbeitern Details der gegen ihn geführten Ermittlungen weitergegeben werden? Der Eindruck, dass es im Landesamt etwas zu vertuschen gibt und das auch bis heute geschieht, drängt sich auf, ja.

Was erhofft sich die Familie Yozgat noch durch den Prozess?

Kienzle: Nach wie vor geht es der Familie um Antworten auf die aus ihrer Sicht entscheidenden Fragen: Warum wurde Halit Yozgat das 9. Opfer des NSU? Warum ergab sich mit dem Mord sofort eine Verbindung ins Landesamt für Verfassungsschutz? Was kann T. zur Wahrheitsfindung beitragen, wenn er sich nicht mehr hinter einer Behörde, die ihn nach wie vor deckt, verstecken kann?

Zur Person

Alexander Kienzle, geboren 1979 in Karlsruhe, aufgewachsen in Köln und Studium der Rechtswissenschaft in Hamburg mit Schwerpunkt Kriminologie, lebt und arbeitet in Hamburg bei der Kanzlei „b|d|k Rechtsanwälte“.

Diskussion

Die Podiumsdiskussion „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“ des SPD-Unterbezirks Kassel-Stadt beginnt am heutigen Freitag, 18 Uhr, im Kulturzentrum Schlachthof, Mombachstr. 3, in Kassel (Eintritt ist frei). Gäste sind: Rechtsanwalt Alexander Kienzle, Kassels Oberbürgermeister Bertram Hilgen, Günter Rudolph, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Landtagsfraktion und Hanning Voigts, FR-Journalist.

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