Sportwetten zur Fußball-EM: Zocken in rechtlicher Grauzone

Soll Vertrauen schaffen: Der private Sportwetten-Anbieter Tipico wirbt im Fernsehen mit dem Ex-Nationaltorwart und ZDF-Fußball-Experten Oliver Kahn. Dennoch bewegt sich Tipico mit seinem Wettangebot ohne staatliche Lizenz in einer rechtlichen Grauzone. Foto: oliver-kahn.de/ZDF

Kassel. Vor der in acht Tagen beginnenden Fußball-EM haben Buchmacher in Sachen Sportwetten Hochkonjunktur. Doch Tipico, Bwin und Co. haben keine Lizenz.

Wer wird Europameister? Wie schneidet die deutsche Nationalmannschaft ab? Und wer wird Torschützenkönig? Hierzulande können Fußballfans inzwischen bei 79 Wettanbietern auf fast alles Mögliche rund um das EM-Turnier (10. Juni bis 10. Juli) wetten. Allerdings sind Sportwetten über die meisten Anbieter gar nicht zulässig.

„Der private Sportwettenmarkt findet zurzeit formell illegal statt“, sagt Michael Schaich, Sprecher des für Wettlizenzen zuständigen Hessischen Innenministeriums. Denn keiner der privaten Anbieter hat bisher eine offizielle bundesweite Konzession erhalten – auch wenn sie sich seit Jahren erfolglos darum bewerben.

Für Zockerfreunde spielt die rechtliche Grauzone in der Praxis jedoch keine Rolle. „Bürger, die eine Fußball-Wette platzieren wollen, machen sich nicht strafbar“, versichert Schaich.

Steuern in Millionenhöhe

Ohnehin werden Tipico, Bwin und Co. von den Behörden geduldet. Die Anbieter, die ihre Firmensitze meist auf Malta (Tipico, Interwetten, Mybet) oder Gibraltar (Bwin) haben, zahlen hierzulande sogar freiwillig Wettsteuern und halten sich an die Vorgaben, wie etwa den Jugendschutz. Und sie machen im Fernsehen – allen voran Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn für Tipico – und auf den Trikots einiger Bundesligisten fleißig Werbung für sich.

Schuld an der Lizenz-Misere sind die Bundesländer, die es bislang nicht geschafft haben, für geordnete Verhältnisse zu sorgen. Im Hessischen Innenministerium, das die Lizenzen bundesweit vergibt, war die Skepsis zu den Vereinbarungen des Glückspielstaatsvertrages jedoch von Anfang an groß. Nun droht das Land mit einem Ausstieg aus dem Staatsvertrag. „Der Glücksspielstaatsvertrag ist in seiner jetzigen Fassung gescheitert“, sagte Innenminister Peter Beuth vor zwei Wochen im Landtag.

Der Verband der privaten Sportwettenanbieter DSWV kritisiert die „willkürliche Beschränkung“ von bislang 20 bundesweit geltenden Konzessionen. Hauptgeschäftsführer Luka Andric plädiert deshalb für eine „qualitative Begrenzung“ – auch mit Blick auf die unzähligen „unseriösen“ Konkurrenzangebote im Internet.

Das leidige Thema könnte am Tag des zweiten deutschen EM-Gruppenspiels, am 16. Juni, auf der Konferenz der Ministerpräsidenten erneut aufgerufen werden. Womöglich wird bis dahin ein EU-Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Das hätten zwar die Länder verursacht, die Bundesregierung müsste es aber ausfechten. Sollte Hessen aussteigen, stellt sich die Frage, ob Glücksspiel in Deutschland überhaupt noch stringent geregelt wird.

Der Markt boomt ungeachtet dessen weiter. Inklusive des Schwarzmarktes dürften sich die Umsätze Experten zufolge bei bis zu sieben Milliarden Euro bewegen. (mit dpa)

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