Interview mit Vorsitzendem der Sudetendeutschen Volksgruppe

Flüchtlinge 1945 und heute: „Gemeinsamkeiten überwiegen“

In eine ungewisse Zukunft: Sudetendeutsche im Juli 1946 in Nordböhmen (oben) und Flüchtlinge im Oktober vergangenen Jahres bei Wegscheid in Bayern. Fotos: dpa

In der aktuellen Situation mit den Flüchtlingen aus dem Nahen Osten und Afrika werden häufig Parallelen gezogen zu 1945, als Millionen Vertriebene und Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten kamen.

Wir sprachen darüber mit Bernd Posselt, Vorsitzender der Sudetendeutschen Volksgruppe.

Herr Posselt, kann man diese beiden Situationen vergleichen? 

Bernd Posselt: Man kann sie vergleichen, aber nicht absolut gleichsetzen, wobei ich schon der Meinung bin, dass die Gemeinsamkeiten überwiegen.

Welche sind das?

Posselt: Erstens: Menschen werden vertrieben, weil sie anders sind und den Machthabern nicht passen, weil sie eine Sprache, Kultur, Religion oder Volksgruppe haben, die von den Machthabern abgelehnt wird. Die zweite Parallele ist die Opferperspektive, denn Menschen, die vertrieben werden und leiden, sind in erster Linie Menschen. Der Unterschied ist, dass damals deutschsprachige, christliche Mitteleuropäer zu deutschsprachigen, christlichen Mitteleuropäern vertrieben wurden.

Manche sagen, dass sei der entscheidende Unterschied, denn dadurch sei die Integration der Flüchtlinge einfach gewesen. 

Posselt: Wie wir inzwischen wissen und wie es die ältere Generation selbst erlebt hat, war das nicht ganz so einfach. Auch damals gab es erhebliche Anpassungsprobleme. Es war natürlich leichter, als wenn Menschen aus einer ganz anderen Kultur kommen, aber man sollte das nicht schönreden.

Was müsste die Bundesregierung heute in Richtung Integration der Flüchtlinge unternehmen? 

Posselt: Das, was derzeit in Sachen Integration bei uns in Deutschland passiert, ist europaweit vorbildlich. So starke Integrationsbemühungen wie bei uns gibt es in keinem anderen europäischen Land - trotzdem kann man noch Dinge verbessern. Es muss mehr getan werden für die Sprachkompetenz, es muss die schulische Bildung stärker geöffnet werden. Das Wichtigste ist: Auf beiden Seiten braucht es eine größere interkulturelle und interreligiöse Kompetenz. Ich kann den anderen nur verstehen, wenn ich weiß, wie er tickt.

Um auf Ihre Volksgruppe zu kommen: Man könnte sagen, wenn sich die Sudentendeutschen im Westen richtig integriert hätten, dann würde es Ihre Interessensvereinigung heute gar nicht mehr geben.

Posselt: Es gibt einen Unterschied zwischen Integration und Assimilation. Integration ist wichtig - dass man gut zusammenlebt auf der Basis gemeinsamer Regelungen. Das heißt aber nicht, dass man seine Kultur und seine besonderen Prägungen aufgeben muss. Das ist ja das Gelungene an der Integration der Sudetendeutschen, dass wir unsere einzigartige Kultur und übernationale Tradition bewahren und fortentwickeln.

Fortentwickeln? Ist das nicht ein Wunschdenken älterer Vertriebener? 

Posselt: Nein. Zu uns kommen sehr viele Junge, und für die ist es selbstverständlich, dass sie in Bayern oder Hessen verwurzelt sind. Gleichzeitig wissen sie, sie haben noch etwas zusätzlich, nämlich die Heimat der Großeltern mit ihrer reichen Geschichte und Kultur. Die Jungen nutzen die offenen Grenzen in Europa, um das zu entdecken. Sie nehmen in sozialen Netzwerken Kontakt zu jungen Tschechen auf, interessieren sich für die Wurzeln ihrer Familien und umgekehrt interessieren sich die jungen Tschechen für die deutschen Wurzeln ihrer Orte. Das sind ganz lebendige Verbindungen.

Beim jüngsten Treffen der Sudentendeutschen war erstmals ein tschechischer Minister offiziell zu Gast. Sind solche Gesten über 70 Jahre nach Kriegsende noch wichtig?

Posselt: Ja, das war ein historischer Durchbruch. Das Verhältnis war jahrzehntelang durch Konfrontation geprägt. Seit einigen Jahren fahren wir einen Verständigungskurs, insofern war der Besuch des tschechischen Kulturministers Daniel Herman ein großer Erfolg.

In der aktuellen Flüchtlingssituation nehmen die Tschechen ja einer eher abwartende bis ablehnende Haltung ein. 

Posselt: Es gibt beides: Diejenigen in der tschechischen politischen Szene, egal von welcher Partei, die nach wie vor die Vertreibungen von vor 70 Jahren rechtfertigen oder beschönigen, sind genau die, die auch heute gegen die aktuelle Flüchtlingsentwicklung polemisieren, die ganz auf nationale Homogenität setzen und Emotionen schüren. Diejenigen aber, die ehrlich die Vertreibung von vor 70 Jahren aufarbeiten und eine offene und multikulturelle Gesellschaft vertreten, das sind die, die auch offen sind für das Leid der jetzigen Flüchtlinge.

Das hat aber keine Auswirkung auf die höchst ungleiche Aufnahme von Flüchtlingen innerhalb der EU. 

Posselt: Das kann sich aber noch ändern. Im Europäischen Parlament hat eine große Zahl der mittel- und osteuropäischen Abgeordneten für eine solidarische Lastenteilung in der aktuellen Flüchtlingskrise gestimmt, obwohl ihre Regierungen zuhause zum Teil das Gegenteil vertreten. Daran sieht man: Es beginnt eine neue Debatte. Europa funktioniert nicht nach dem Motto: Ich dreh dir das Geld ab, wenn du nicht spurst. Europa funktioniert nur, wenn man versucht, mit Argumenten und Geduld zu überzeugen.

Zur Person 

Bernd Posselt (60) ist CSU-Politiker und Vertriebenenfunktionär. Der Sohn sudeten-steirischer Eltern war von 2000 bis 2008 Bundesvorsitzender der Sudetendeutschen Landsmannschaft und hat dieses Amt seit 2014 wieder inne. Außerdem war er bis 2014 Mitglied des Europäischen Parlaments.

Posselt gehört zu den 89 Personen aus der Europäischen Union, gegen die Russland Ende Mai 2015 ein Einreiseverbot verhängt hat.

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