Ein faszinierender Landschaftsteppich rollt sich vom Fuß des Berges ins Unendliche. Wie feine blaue Fäden durchziehen die Flüsse das braune Steppenland Tansanias, das unzählige Male von grünen Oasen gesprenkelt wird. Und direkt vor unserer Nase funkeln faszinierende Gebilde, die die Sonnenstrahlen ins Eis gebrannt haben.
Die letzten Stunden des Aufstiegs waren qualvoll: Das Hirn, von der Höhenluft vernebelt, lief nur noch auf Sparflamme, der Körper rebellierte. Magenschmerzen, Übelkeit, Kopfweh, Durchfall – die Liste liest sich wie das Ärzte-Protokoll bei einer schweren, fiebrigen Grippe. Aber jetzt sind alle high. Kili-high. Endlich sind alle Strapazen vergessen und jeder will unbedingt ein Foto vor dem Bretterverschlag auf dem steht: „Höchster freistehender Berg der Welt, Afrikas höchster Punkt, Kilimandscharo, 5895 Meter.“
In den vergangenen 100 Jahren sind die Gletscher auf dem Dach Afrikas um 80 Prozent geschmolzen. Der Prozess beschleunigt sich durch die globale Erwärmung und pessimistische Prognosen besagen, dass schon in zehn bis 20 Jahren der ganze Berg eisfrei sein wird. Das ist für viele ein gutes Argument, den Kilimandscharo in Angriff zu nehmen.
Unsere Gruppe hat kaum Zeit auf dem Gipfel. Dismass, der Guide, drängt schon nach wenigen Minuten zum Aufbruch. „Es ist gefährlich hier oben. Der Körper kann sich nicht mehr erholen. Selbst bei einer Pause baut er weiter ab.“ Die steilen Eiswände der Gletscher, die sich blauschimmernd Schicht für Schicht vor uns auftürmen, der faszinierende Krater, die psychedelisch-wirkenden Wolkenformationen, die afrikanische Weite zu unseren Füßen – wir können uns nicht satt sehen. Im Prinzip ist der Kilimandscharo ein technisch einfacher Wanderberg. Mit Kondition, der nötigen Vorbereitung und der richtigen Vorgehensweise am Berg lassen sich die Gipfelchancen erheblich steigern. Gute Reiseveranstalter beginnen ihr Programm in Tansania mit der Besteigung eines kleineren Gipfels. Der Körper passt sich dadurch an und kann in extremen Höhenlagen besser Sauerstoff aufnehmen.
Trotzdem wagen sich auch Untrainierte ohne die nötige Vorbereitung an eine Besteigung. Immer öfter reisen unsportliche Touristen mit Gipfelambitionen an, sodass die Zahl der Berg-Touristen rasant wächst: Von den Behörden gibt es keine Auskunft, aber Insider gehen von etwa 50 000 Bergsteigern jährlich aus. Wie auch wir erleben sie ein phantastisches Naturschauspiel: Um den Kilimandscharo hat sich ein grüner Gürtel geschlungen, der so fruchtbar ist wie kein anderes Stück Erde in Tansania. Es ist die erste von fünf Vegetationszonen, die die Bergsteiger durchqueren.
Mit dem Kilimandscharo hat der Tourist eine botanische Reise vom Äquator zur Arktis gebucht. Regenwald, Hochmoor, Wüste, Schnee und Eis. Das ist einzigartig auf der Welt.
Leider hat das Ganze auch seine Schattenseiten: Die Politiker in Tansania betrachten den Berg als Goldesel, der nicht gefüttert wird. Die Gebühren für die Besteigung liegen mittlerweile bei 150 Dollar pro Tag. Laut offizieller Ansage soll davon natürlich nur die Natur profitieren. „Der Kilimandscharo ist die Haupteinnahmequelle für Tansania. Aber am Berg kommt von dem Geld nichts an“, sagt Bergsport-Experte Thomas Lämmle. Es wäre dringend nötig, etwas für die Erhaltung der Natur zu unternehmen, damit auch spätere Generation einmal glückserfüllt vor dem Schild am Gipfel stehen können.
Von Christian Schreiber



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