150 russische Hooligans kamen für Randale nach Marseille

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Die russischen Anhänger randalierten in Marseille. Foto: Daniel dal Zennaro

Sie waren vorbereitet und gewaltbereit: Russische Hooligans wollten in Marseille von vorneherein Randale stiften. Bislang konnte die Polizei keinen von ihnen fassen. Andere Verdächtige werden dagegen im Schnellverfahren verurteilt.

Marseille (dpa) - Etwa 150 "extrem trainierte" russische Hooligans waren an den Ausschreitungen zwischen Fangruppen in Marseille beteiligt. "Sie sind gekommen, um sich zu schlagen", sagte Staatsanwalt Brice Robin am Montag.

Die Polizei konnte keinen von ihnen festnehmen. Sie hätten extrem schnell gehandelt und seien dann wieder verschwunden, sagte Robin. Nun werden Videoaufnahmen ausgewertet, um die Gewalttäter doch noch zu identifizieren.

Die Ausschreitungen hatten sich vor allem am Samstag rund um das EM-Spiel zwischen England und Russland ereignet. Am Montag wurden erste Beteiligte im Schnellverfahren zu Haftstrafen verurteilt.

Bei den gewaltsamen Auseinandersetzungen wurden 35 Menschen verletzt, vier davon schwer, ein weiterer Mensch schwebte am Montagnachmittag noch in Lebensgefahr. Beim überwiegenden Teil der Verletzten handelt es sich Robin zufolge um Engländer. Die Szenen aus Marseille hatten Sorgen vor weiteren Ausschreitungen bei der Europameisterschaft und Kritik an den französischen Sicherheitsbehörden ausgelöst.

Der Historiker Sébastien Louis, ein französischer Experte für Gewalt-Fans, beschrieb das Vorgehen der russischen Hooligans gegenüber der Zeitung "Le Monde" als "Überfall" eines "paramilitärischen Kommandos".

Der Chef der britischen Polizeidelegation bei der EM, Mark Roberts, sagte, die russischen Hooligans seien hoch organisiert und aggressiv. "Unsere Spotter in Marseille (Beamte, die nach Gewalttätern Ausschau halten) haben gesehen, wie sie Mundschutze, Kampfsport-Handschuhe und Tücher anlegten, bevor sie englische Fans im Hafen angriffen", erzählte Roberts dem "Guardian". Es sei allerdings auch eine kleine Minderheit englischer Fans nach Marseille gekommen, um Ärger zu machen.

Ein Franzose wurde in Marseille zu zwei Jahren Haft verurteilt, die Hälfte davon wurde zur Bewährung ausgesetzt. Er hatte nach Auffassung des Gerichts drei Menschen getreten sowie mit der Faust und dem Gürtel geschlagen, wie die französische Nachrichtenagentur AFP meldete. Fünf Briten erhielten Gefängnisstrafen von ein bis drei Monaten, etwa für den Wurf einer Bierflasche in Richtung von Polizisten. Außerdem wurden Urteile gegen einen weiteren Briten, einen Österreicher und zwei weitere Franzosen erwartet.

Wegen der Vorfälle in Marseille gab es insgesamt 20 Festnahmen - darunter auch ein Deutscher. Dieser gehört jedoch nicht zum Kreis derer, die sich nun dem Schnellverfahren stellen sollten.

Um weitere Krawalle zu vermeiden, setzen die Städte Lyon und Toulouse nun auf Einschränkungen beim Verkauf von Alkohol. Die jeweils zuständigen Präfekten verboten es, Fans Alkohol zum Mitnehmen zu verkaufen. Innenminister Bernard Cazeneuve hatte die örtlichen Behörden nach den Gewaltszenen von Marseille aufgefordert, in "sensiblen Bereichen" Alkoholverbote zu verhängen.

Videoausschnitt Pressekonferenz des Staatsanwalts, Frz.

Mitteilung Innenministerium zu Festnahmen, Frz.

Präfektur Rhône zum Alkohol-Verbot, Frz.

Stellungnahme Innenminister Cazeneuve zur Gewalt in Marseille, Frz.

Interview Fanexperte Sébastien Louis bei "Le Monde", Frz.

Interview britischer Polizeidelegationschef Mark Roberts im "Guardian", Engl.

O-Ton Staatsanwalt bei France Info, Frz.

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