Julian Reister

Abschiedsbrief an Sportart: Tennisprofi sorgt mit Karriereende für Aufsehen

Macht Schluss mit dem Tennis: Julian Reister. Foto: dpa

Kassel. Julian Reister gehörte nie zu den ganz großen Tennisstars dieser Welt, aber es reichte für ein paar Momente im Rampenlicht. 2010 zog der Hamburger in die dritte Runde der French Open in Paris ein, in der er auf den berühmten Roger Federer traf und verlor. Reisters beste Platzierung in der Weltrangliste war Rang 83 – im November 2013. Seine Karriere taugte für die Meldungen in der Randspalte, aber nie für die große Geschichte auf Seite eins.

Dass Julian Reister nun am Ende dieser Karriere Aufmerksamkeit erfährt, hat mit einem besonderen Abschied von seiner Sportart zu tun. Der 30-Jährige verkündete nämlich nicht einfach, dass er Schluss macht, sondern er schrieb an das Tennis einen Abschiedsbrief, der über seine Facebookseite aufrufbar ist.

Die Zeilen lesen sich wie ein Abschiedsbrief an einen Menschen, der mal einen großen Platz im eigenen Herzen eingenommen hat, der einem aber nach und nach entschwindet. Reister bezeichnet das Tennis als Liebe auf den ersten Blick: „Auf unserer Straße in der Reihenhaussiedlung, als der Bürgersteig die Linie und mein Schläger so groß wie ich war, gingen wir die ersten Schritte aufeinander zu. Seit diesem Tag hingen wir fast jede freie Minute zusammen ab.“

Reister beschreibt die Faszination, die das Tennis mit seinen Stars Pete Sampras, André Agassi und Boris Becker auf ihn ausübte. Er beschreibt seinen Traum, es auch auf die großen Plätze zu schaffen. Er beschreibt seinen Weg nach oben und die Funktion des Sports in schweren Zeiten. Reisters Vater starb, als er selbst zehn war. Tennis diente als Therapie, Reiser schreibt: „Auch du hast mir danach geholfen, diese dunkle Zeit zu überstehen. Du gabst mir die Gelegenheit, ihm etwas zurückzugeben, auch wenn er nicht mehr da war.“

Hier geht es zum Brief in voller Länge.

Beeindruckend an Reisters Abschiedsbrief ist, wie anschaulich er sein Leben mit dem Sport schildert: seinen Aufstieg unter die Top 100, die Erfüllung seines Traumes, den Albtraum danach mit einer schweren Verletzung, das Schuften für eine Rückkehr und – schließlich – das Bröckeln der Liebe: „Die Unbedarftheit und Lockerheit auf dem Platz, die mich immer ausgezeichnet hatten, wurden von Ängsten und Selbstzweifeln abgelöst.“

Er wollte das erst nicht wahrhaben, musste sich aber eingestehen: „Das Leben hält noch so viel abseits des Profisports bereit, auf das ich mich sehr freue.“ Reister schließt den Brief mit den Worten: „Ich verlasse dich also ohne Reue. Vielmehr lasse ich dich sehr dankbar zurück.“

Interviews möchte er derzeit keine geben. Er schreibt auf Anfrage unserer Zeitung, er brauche erst einmal Zeit für sich. Außerdem: Er hat ja alles gesagt in seinem Abschiedsbrief an das Tennis.

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