Olympische Sportarten sollen besser gefördert werden, aber:

Reform der Spitzensport-Förderung: "Der Athlet steht nicht im Mittelpunkt"

Medaillenträchtige Sportarten wie die des Speerwerfers Thomas Röhler, hier bei den Deutschen Meisterschaften in Kassel, sollen von der kommenden Reform noch gestärkt werden. Foto: Schachtschneider

Kassel. Sportwissenschaflter Dr. Kuno Hottenrott spricht im HNA- Interview über die geplante Reform der Spitzensport-Förderung.

Olympische Sportarten sollen zukünftig besser gefördert werden. Eine geplante Reform dazu wird in drei Wochen von den Mitgliedern des Deutschen Olympischen Sportbundes höchstwahrscheinlich verabschiedet. Ein Interview mit dem Kasseler Sportwissenschaftler Dr. Kuno Hottenrott über Chancen und Kritikpunkte der Reform.

Herr Hottenrott, die Reform der Spitzensport-Förderung soll in drei Wochen verabschiedet werden soll. Wie sehen Sie die Chancen, dass die Mitglieder des DOSB zustimmen? 

Kuno Hottenrott: Die Reform wird durchkommen, davon bin ich überzeugt. Es gab viele Vorabgespräche mit den Sportverbänden. Und letztlich ist es ja auch so: Alle wollen eine Reform.

Bundesinnenminister Thomas de Maiziére hat am Wochenende das Ziel formuliert, der deutsche Sport solle in der Nationenwertung bei Olympischen Spielen zukünftig wieder unter die Top 3 kommen können. Realistisch? 

Hottenrott: Nein, das halte ich für unrealistisch, zumindest in absehbarer Zeit. Vor allem sollte es bei einer Reform nicht um Medaillenränge als primäre Zielsetzung gehen.

Ohnehin regt sich zuletzt nach anfänglichem Beifall einige Kritik an der Reform. Was stimmt denn an der Zielsetzung nicht? 

Hottenrott: Zunächst muss ja erst einmal die Akzeptanz des Spitzensports wiederhergestellt werden. Zwei gescheiterte Olympia-Bewerbungen zeigen das deutlich. Vor allem aber sollte ein Land wie Deutschland bei Olympischen Spielen in allen Kernsportarten vertreten sein, unabhängig davon, ob überall Medaillen erreicht werden können. Das ist schließlich immer noch der olympische Gedanke nach Coubertin.

Deutschland ist ein Fußballland. Auch, weil die Förderung hier mit hohem Aufwand betrieben wird. Ist es überhaupt machbar, den Olympischen Sport auf eine ähnliche Stufe zu heben? 

Hottenrott: Auf die gleiche Stufe sicherlich nicht. Der Fußball ist finanziell und in den Strukturen vorbildlich. Trotzdem können und sollten wir in Sportarten wie Schwimmen, Leichtathletik, Radsport oder Turnen ähnliches schaffen können.

Einer der Kritikpunkte an der Reform lautet: Die Guten kriegen mehr, die Schwachen weniger. Stimmt das? 

Hottenrott: Das ist etwas vereinfacht. Bei der Reform geht es viel um bessere Trainer-Ausbildungen, um strukturelle Maßnahmen. Der einzelne Athlet steht nicht so sehr im Mittelpunkt, das sehe ich kritisch.

Was meinen Sie konkret? 

Hottenrott: Vor allem in den Individualsportarten müssen der Athlet und sein Trainer mehr im Mittelpunkt stehen. Ein Beispiel: Brauche ich einen Ernährungsberater? Einen Physiotherapeuten? Wenn ja, welchen? Wohin fahre ich ins Trainingslager? Darauf haben die Athleten kaum Einfluss. Das muss sich ändern. Stattdessen sollen beispielsweise die Stützpunkte stärker zentralisiert werden. Als Sportwissenschaftler fordere ich das genaue Gegenteil: eine breitere Streuung, damit talentierte Kinder nicht noch früher und noch weiter entfernt ihre Heimat verlassen müssen. Der Mensch sollte immer im Mittelpunkt stehen.

Einige deutsche Athleten üben Kritik an zu geringer finanzieller Unterstützung. Berechtigt?

Hottenrott: Absolut berechtigt. Es gibt auch keine Transparenz, welche Fördergelder letzlich beim Athleten ankommen. Ein B-Kader-Athlet, der sich auch für die Nachwuchselite-Förderung qualifiziert hat, bekommt 200 Euro im Monat Das ist viel zu wenig. Die wenigsten trauen sich aber, etwas dagegen zu sagen. Sie stehen in Abhängigkeiten, schließlich liegen die Machtstrukturen bei Funktionären und Verbänden.

Wie sieht das bei Ihnen aus? Bekommen Sie Ärger für kritische Worte? 

Hottenrott: Als Wissenschaftler kann ich mir das leisten, bekomme aber auch von verschiedenen Seite durchaus Kritik. Im konkreten Fall der Reform ist es aber auch so: Ich bin nicht dagegen, ich möchte nur helfen, zu optimieren.

Befürchten Sie durch die Reform eine Veränderung der Sportlandschaft? Werden Sportarten noch weiter an diesen Rand gedrängt? 

Hottenrott: Nicht ganze Sportarten, eher einzelne Disziplinen. In jedem Fall richtet sich die Reform aber gegen die Breite, wenn sie vor allem auf Medaillen schaut.

Können Sie ein Beispiel aus der Praxis nennen? 

Hottenrott: Nehmen Sie die Leichtathletik. Wurf- und Stoßsportarten werden eine starke Förderung erhalten. Hier waren wir schon immer stark. Aber die Laufdisziplinen? Auf Mittel- und Langstrecken ist klar, dass die Ostafrikaner noch für lange Zeit alles dominieren werden. Es sind aber die Laufdisziplinen, die auch eine große Breitenwirkung haben, in denen etwas für die Gesundheit getan wird.

Wagen Sie einen Blick in die Zukunft: Wie wird der deutsche Sport nach der Reform aussehen, wenn sie denn kommt?

Hottenrott: Sie wird umgesetzt, und das ist gut so. Die derzeitigen Diskussionen jetzt und das Stellen an vielen Schrauben - hier redet ja auch die Politik mit, die die finanziellen Mittel bereitstellen muss - werden das positiv beeinflussen. Deshalb bin ich überzeugt, dass der deutsche Spitzensport in absehbar Zeit besser dastehen wird.

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