Der Provinzklub Iserlohn Roosters ist die Nummer zwei in der DEL

Eishockey-Wunder im Sauerland

Ein gewohntes Bild: Jubelszenen in Iserlohn wie hier von Brodie Dupont. Archivfoto: dpa

Kassel. Über viele Jahre waren sie Rivalen auf Augenhöhe, die Puckjäger in Kassel und Iserlohn. In der Oberliga, in der zweiten Liga und in der DEL.

Nun aber, da die Huskies im Rahmen ihres Fünfjahresplans eine gute Rolle in der DEL2 spielen, sind die Roosters und das Eishockey-Wunder im Sauerland in aller Munde. Mit 37 Punkten aus 19 Spielen sind sie Tabellenzweiter und in der Effektivität pro Spiel (1,94) gleichauf mit Spitzenreiter Mannheim (22/43/1,95). Am Sonntag gastieren die Adler am Seilersee zum noch nicht ausverkauften Gipfeltreffen. Wir skizzieren den Höhenflug der Hähne.

DIE HISTORIE

1959 begannen kanadische Soldaten das organisierte Eishockey-Zeitalter am Seilersee im EC (Hemer-) Deilinghofen. 1971 wurde die seither mehrfach modernisierte und erweiterte Halle (einst nahezu baugleich mit der späteren Kasseler Eishalle) eröffnet. 1977 gelang erstmals der Sprung in die Bundesliga. Nach Höhen, Tiefen, Finanzproblemen und Namenswechseln kletterte der Iserlohner EC 2000 in die DEL und ist dort seither etabliert.

DER AKTUELLE BOOM

Das Team aus der Provinz, das bis dahin nur 2008 das Playoff-Viertelfinale erreicht hatte und an Frankfurt scheiterte (3:4), sorgte erstmals Anfang 2014 für positive Schlagzeilen. Trainer Jari Pasanen hatte im Winter das Team von Doug Mason übernommen und führte es nach kurzen Startproblemen vom letzten Tabellenplatz bis ins Viertelfinale. Fans und Wirtschaft in der Region waren mobilisiert, mit der gefeierten Aufholjagd die Basis geschaffen.

DIE BEGEISTERUNG

Die Begeisterung im Sauerland kennt seither kaum noch Grenzen. Das vor Wolfsburg (4503 Plätze) zweitkleinste Stadion der DEL ist in dieser Runde zu 86 Prozent ausgelastet. Im Schnitt kommen 4288 Fans in die 4967 Besucher fassende Halle und sorgen für eine schier unglaubliche Stimmung im engen Karree. Das Wort vom Heimvorteil, es könnte in Iserlohn enstanden sein.

DIE HEIMSTÄRKE

Mit den grandiosen, beinahe fanatischen Fans im Rücken sind die Roosters daheim eine Macht. Schon immer für drei, ja sogar vier Treffer binnen weniger Minuten gut, hat das aktuelle Team bislang in jedem Heimspiel gepunktet.

DIE PHILOSOPHIE

„Es ist wie es ist.“ Trainer Jari Pasanens Floskel bringt es auf den Punkt: Im beschaulichen Iserlohn mit 93 000 Einwohnern, nur Straubing (45 000) ist kleiner, arrangiert man sich mit Gegebenheiten und macht das Beste daraus. Kaum haben die Roosters einen Star, holt ihn die reiche Konkurrenz weg. Also sucht Manager Karsten Mende Talente mit Perspektive und Etablierte mit andernorts verkanntem Potenzial. Zahlungskräftige Großsponsoren sind rar, also sorgen heimische Förderer in breiter Front für eine wirtschaftlich solide Basis. Das reicht immerhin zu Rang elf in der Etatrangliste mit 5,3 Millionen Euro vor Schwenningen (4,9), Augsburg (4,8) und Straubing (4,8), aber nicht für die ganz großen Sprünge.

DAS PERSONAL

„Natürlich haben wir Eishockey-Zauberer wie Nick Petersen und eine großartige erste Reihe mit Brooks Macek, Jason Jaspers und Luigi Caporusso“, erklärt Co-Trainer Jamie Bartman (53), der wie Verteidiger Jean-Philippe Coté (33) einst auch in Kassel aktiv war. „Über allem aber steht der unglaubliche Teamgeist hier und das bedingungslose Rackern und Arbeiten.“ Die nordamerikanisch-rustikal geprägten Roosters sind erfolgreich, so Bartman, „weil wir das Ego im Kader verbannt haben, clever und abwehrstark sind, ohne defensives Hans-Zach-Eishockey zu spielen“.

Hintergrund: Der Skandal ums Grüne Buch

Es war eine der skurilsten Geschichten des deutschen Sports: Am 4. Dezember 1987 lief der finanziell darbende ESD Iserlohn gegen den Sportbund Rosenheim Trikotwerbung für das „Grüne Buch“ von Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi auf. Der vom Vorsitzenden Heinz Weifenbach eingefädelte Vertrag mit dem Diktator sollte dem Klub Millionen einbringen, doch es gab nur Aufregung. Bundestrainer Xaver Unsinn, Politiker bis hin zu Innenminister Friedrich Zimmermann (CSU) und Fans empörten sich, der Deutsche Eishockey-Bund drohte den Sauerländern mit Lizenzentzug und Sperren aller Spieler. Am 6. Dezember gegen Frankfurt (3:7) spielte der ECD wieder in den alten Trikots. Es war die letzte Partie, fünf Tage später folgten der Konkurs und das Aus für die Iserlohner.

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