Über Begeisterung und Übermut, Respekt und Unsportlichkeit

Verbot für freche Tore im Fußball? - Ein Pro und Kontra

Er hat es für uns nachgestellt: David Kunz zeigt für den Fotografen auf dem Trainingsplatz, wie er den Treffer erzielt hat, der dann aberkannt wurde. Die Regel war ihm schlicht nicht bekannt. Foto: Fischer

Kassel. Tore sind das Salz in der (Fußball-) Suppe, freche Tore gar das Sahnehäubchen. Doch wie kess dürfen die Schützen sein, wo ist die Grenze zwischen dem Spaß der Schützen und einer Unsportlichkeit gegenüber dem Gegner, wenn der Ball zu aufreizend über die Linie bugsiert wird?

Wir stellen das Thema zur Diskussion, nachdem in der Kasseler Kreisoberliga ein Spieler des VfL allein auf weiter Flur vor dem Kasten stand, niederkniete und das Runde per Kopf ins Eckige bewegte. Der Treffer zählte nicht, David Kunz sah die Gelbe Karte und sagte dann: „Diese Regel kannte ich nicht.“

„Wir haben alle Verständnis für junge und emotionale Spieler, die ungewöhnliche, ausgelassene Dinge tun“, sagt Lutz Wagner (53). „Aber egal, ob einer 18 ist oder 38 – so etwas tut man nicht.“ Für die Schiedsrichter-Legende aus Kriftel am Taunus hat Spielleiter Ralf Eberwein aus dem nordhessischen Söhrewald völlig korrekt entschieden – „und er hatte auch keinen Ermessensspielraum“. Denn wer den Ball im Liegen über die Linie köpfelt, „der gibt den Gegner der Lächerlichkeit preis, zeigt wenig Sportsgeist und muss mit der Gelben Karte bestraft werden“. Wagner: „Die Jungs sollen sich doch freuen. Aber nicht auf Kosten des Gegners.“

Der Fall des Kasselers David Kunz sei ein Klassiker und „explizites Beispiel“ auch in der Ausbildung der Schiedsrichter. Dabei wird gern ein Video aus Frankreich hinzugezogen, das im Dezember 2015 genau diesen Fall durch Herman Koné von US Concarneau in einem Pokalspiel gegen Amateurklub Chateaubrianin zeigt. Wagner: „Dort wurde der Schiedsrichter später gerüffelt, weil er das Tor anerkannt und den Schützen erst später verwarnt hatte.“

Auch Karlheinz Rummenigge, heute Vorstandsvorsitzender beim FC Bayern, hat 1981 als Stürmer der Münchner in einem Europapokalspiel gegen den FC Brügge allein vor dem Tor noch eine Einlage gegeben: „Kalle“ lupfte den Ball in die Höhe und köpfte ihn dann im Stehen ins Tor. Damals zählte der Treffer, Rummenigge war der Mann des Tages und sein Treffer das Gesprächsthema Nummer eins.

Ebenso wie der Italiener Andrea Pirlo (EM 2012) und der Tscheche Antonin Panenka (EM-Finale 1976), die Elfmeter ganz frech zentral über die gegnerischen Torhüter ins Netz schaufelten. Regelkonform.

Von Gerald Schaumburg und Lars Wagner

Pro und Kontra zur Frage: Sollen zu freche Treffer verboten bleiben?

Pro: Respekt muss sein

Gerald Schaumburg mahnt mehr Fairplay an – gerade im Fußball

Der Grat ist schmal zwischen Glückseligkeit und Übermut, zwischen angemessenem Jubel und Arroganz, ja Respektlosigkeit gegenüber dem Gegner. Und gerade im Fußball werden inzwischen tagein, tagaus Grenzen des Fairplay und des Anstands überschritten.

Franck Riberys Hand hat nichts zu suchen im Gesicht eines Gegenspielers. Auch das Imponiergehabe Nase an Nase ist völlig abwegig. Brutale Tritte und Ellbogenschläge sind genauso zu geißeln wie „sterbende Schwäne“ nach harmlosen Körperkontakten, Schwalben und die längst völlig überzogene Theatralik in so vielen Situationen.

Die Kicker fernab der Bundesliga-Stadien eifern ihren Idolen nach – leider nicht nur im famosen Umgang mit dem Ball. Und der Spaß hört auf, wenn das Erzielen eines Treffers nicht mehr ausreicht, sondern noch Mätzchen gemacht werden. Wenn ein ohnehin frustrierter und enttäuschter Gegner auch noch der Lächerlichkeit preisgegeben wird.

Ja, es ist die Aufgabe der Schiedsrichter, dies zu unterbinden. Und ja, es ist Aufgabe der Trainer, ihre Schützlinge entsprechend zu erziehen. Manchmal reicht dazu eine einzige Frage: Wie würdest Du dich fühlen, wenn dein Gegenspieler den Ball im Liegen per Kopf über die Linie bugsiert?

Kontra: Überzogene Strafe

Frank Ziemke hält die Aberkennung eines Tores für zu hart

In meinem Lieblingsfilm „Absolute Giganten“ gibt es eine herrliche Fußballszene. Ricco, gespielt von Florian Lukas, hat sich durchgedribbelt, lässt den Torhüter aussteigen, kniet sich in den Matsch, drückt den Ball mit dem Kopf über die Linie – und gockelt danach durch den Strafraum, dass Cristiano Ronaldo dagegen aussieht wie ein alternder Hahn.

Klar. Ist nur ein Film. Ein Spaßmatch im Matsch. Aber mal ehrlich: Wer von uns hat als Junge nicht solche Kaspereien im Kopf gehabt. Das Motto war in erster Linie: Ein bisschen Spaß muss sein.

Im vorliegenden Fall war es Ernst. Es ging um Punkte in der Meisterschaft. Es ging um den Sieg. Und wohl auch um Demütigung des Kontrahenten. Ernste Worte des Schiedsrichters, eine Gelbe Karte – das wäre die passende, erzieherisch wirkende Reaktion. Aber ein regulär erzieltes Tor aberkennen? Das ist eine maßlos überzogene Strafe. Da können wir Tore demnächst auch aberkennen, wenn der Jubel zu provokant ausfällt.

Wie ich mich fühlen würde bei solch einem Gegentor? Nicht gut natürlich. Weil wir so schlecht verteidigt haben, dass der Angreifer Zeit und Platz hat für sein Mätzchentor. Ich würde mich ärgern über unsere Leistung. Seinen Spaß würde ich ihm trotzdem lassen.

Weitere freche Tore

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